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Apr 17 2013

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[Game] Sleeping Dogs

Logo des Spiels  Eigener Screenshot

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Sleeping Dogs. Gutes Spiel. Schwer darüber zu schreiben. Ich habe ein paar Wochen gebraucht habe um mir klar zu werden ob ich das Spiel überhaupt mag oder nicht. Die Story ist jedenfalls schnell erzählt: Jean Claude Van Damme, pardon Wei Shen prügelt sich als Undercover Cop durch die Triaden in Hong Kong. Dabei streckt Sleeping Dogs in jedem Filmklischee ein wenig die Zehen aus: Loyalität, Verrat, Prügeleien, Identität. Zum Glück geht es unter der Oberfläche aber um die Dämonen in Wei Shens Kopf. Und dort hätte selbst die Schwiegermutter des Teufels Angst.

Das kinetische GTA

Sleeping Dogs kann seine Verwandschaft zum bekannten Bruder Grand Theft Auto nicht leugnen. Die Spielmechaniken gleichen sich sehr. So fährst du auch in Sleeping Dogs mit dem Auto durch eine nachempfundene Großstadt und erledigst dabei allerlei kleine und große Missionen. Dabei lernst du Leute kennen und bekommst die Geschichte in Zwischensequenzen gezeigt. Typisch für die Art Spiele gibt es ziemlich schnell Reibereien und so hauen sich die Figuren relativ schnell den Pixelschädel ein. In GTA geschieht das im Wesentlichen mit Schußwaffen, Sleeping Dogs benutzt stattdessen die meiste Zeit über Kampfsport. Dieser Wandel ist entscheidend. Sleeping Dogs wird dadurch unmittelbarer, näher. Du schaust nicht aus weiter Ferne zu, wie Pappkameraden umfallen sondern steckt mitten in der blutigen Keilerei. Brumm, Brumm. Die Autos sind hübsch.

Brumm, brumm. Sorry, das ist der Gipfel an intellektueller Formulierungsarbeit heute. Eigener Screenshot.

Brumm, brumm. Sorry, das ist der Gipfel an intellektueller Formulierungsarbeit heute.
Eigener Screenshot.

Der andere Blick

Sleeping Dogs verliert dadurch die nötige Distanz um als Satire oder Karikatur durchzugehen. Das liest sich seltsam, war aber schlussendlich mein Problem mit dem Spiel. Es war für mich zu überzogen, zu heftig. Wohlgemerkt, dies sind Worte von jemanden der seit über 20 Jahren Videospiele spielt. Hab ich heftigeren Mist gesehen? Klar, aber immer mit Distanz. Das Gesplatter eines Quake 3 kann einfach niemand ernst nehmen, die Gefetz Orgien eines Dead Space waren mir zu blöd. Sleeping Dogs ist ein eigentlich gutes Spiel das für mich zuviel Spaß an zelebrierter Gewalt hat.
Die Kämpfe wirken auf mich jedenfalls ähnlich faszinierend wie die Filme des erwähnten Jean Claude Van Damme. Der Herr des einen Gesichtsausdruckes hat mit dem Spiel nämlich eigentlich nichts zu tun. Aber irgendwie verbinde ich die gezeigten Szenen mit seinen gewöhnungsbedürftigen und mir fremden Filmen. Ein bis zwei Werke habe ich davon geschaut und es war mir einfach zu nah dran. Ich muss die Knochen nicht brechen hören, das Blut muss nicht für maximale Authentizität von der Kamera gewischt werden. Sleeping Dogs ist da ähnlich. Es nimmt sich selber unglaublich ernst. Dadurch erzählt es eine doch recht interessante Geschichte über Gangrivalitäten und Macht, die mit Wei Shen einen schillernden Hauptcharakter gefunden hat. Aber durch die ernste Thematik fehlt auch die Distanz zum Gezeigten. Mehr als einmal habe ich das Spiel nach 20-30 Minuten zur Seite gelegt, weil es mir einfach too much war.

Teeeenaaage Mutaaaant Ninja Tuuuurtles... meine Kindheit ist Schuld.  Eigener Screenshot

Teeeenaaage Mutaaaant Ninja Tuuuurtles… sorry, meine Kindheit ist Schuld.
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Der schlafende Hund

Die Geschichte und wie sie erzählt wird ist wirklich gut gemacht. Shen kehrt nach langen Jahren Abwesenheit nach Hong Kong zurück und wird als Undercover Cop in die Triade Sun On Yee eingeschleust. Dabei bringt er eine ganze Kofferdimension an unerledigten Problemen und persönlichen Dämonen mit. Shen ist dabei weniger der schlafende Hund, als die geladene Kanone. Die Gestik und Sprecher schaffen es, zumindest im Englischen, der Persona das richtige Auftreten zu verpassen. Nach außen wirkt Shen ruhig, freundlich und überlegt. Aber auch selbstbewusst und vor allem gefährlich. Die aufgeladene Wut in seinem Inneren steckt keine 2 Millimeter unter der Hautoberfläche. Manchmal bricht sie in völlig irrationalen Kurzschlüssen aus. Shen schnappt über und verschlechtert die Lage mit Wutanfällen und kaltem Hass. Siehst du, schon rede ich wieder von Gewalt und nicht ohne eine gewisse Ironie muss ich anerkennen: Ohne die starke Kinetik, die Unmittelbarkeit der gezeigten Szenen, würden Shens Dämonen wahrscheinlich verpuffen.

6 tote Gangmitglieder? Der Polizei egal. Wei nicht.  Eigener Screenshot

6 tote Gangmitglieder? Der Polizei egal. Wei nicht.
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Das gedachte Hong Kong

Das absolute Highlight des Spiels ist Hong Kong. Die Stadt ist für mich der eigentliche Hauptdarsteller. Was interessiert es mich ob da ab und zu ein paar Menschen sich umhauen. Menschen halt. Aber die Stadt? Sie lebt und sie atmet und hier ist Hong Kong für mich die spannendere Wahl als zum Beispiel Liberty City. Die Stadt wirkt fremd und wird mit jedem Touristenratgeber-Buch als Quelle, interessant in Szene gesetzt. Das gezeigte hat ähnlich viel mit dem echten Hong Kong zu tun wie die bekannten Touristen China Town Fassaden mit den tatsächlichen Lebenswelten der Menschen dort. Aber es fühlt sich authentisch an. Die Straßen sind… ach spar ich mir doch die Wörter.

Dem Touristenbuch treu wurden mir in dieser Hintergasse natürlich geklaute oder billig kopierte Uhren angeboten.  Eigener Screenshot

Dem Touristenbuch treu wurden mir in dieser Hintergasse natürlich geklaute Uhren angeboten.
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Das sieht beeindruckend aus und fühlt sich beeindruckend an. Wow. Und ich hasse das Wort wow. Aber: Wow. Dazu kommt aus den Boxen eine Mischung aus chinesischer und westlicher Musik, ein wildes Mischmasch aus Liedern die halb englisch, halb chinesisch sind. Die Sprecher streuen immer wieder chinesische (kantonesisch) Sprachbrocken mit ein, die aber meistens (leider nicht immer) in den Untertiteln übersetzt werden. Das verpasst dem ganzen eine befremdliche Authentizität. Es ist kein realistisches Hong Kong aber verbildlicht realistisch das Gedankenbild von Hong Kong.

Zugänglichkeit

Das Spiel hat ein paar ausführliche Einstellmöglichkeiten die lobend erwähnt werden sollten. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich beispielsweise einstellen, wenn eine Stelle mal zu schwer ist. Diverse Grafikeffekte lassen sich abstellen, inklusive Motion Blur zum Beispiel. Für Audio gibt es individuelle Regler für die verschiedenen Elemente. Die für meine Ohren übermächtigen Motorengeräusche der Wagen konnte ich so auf ein für mich passendes Maß einstellen.
Zum Spielen werden zwingend beide Hände benötigt, da es sehr häufig notwendig ist zur gleichen Zeit zu steuern und zu zielen. Das geht aber immerhin dank Zeitlupe bei späteren Feuergefechten angenehmer von der Hand als noch bei GTA zum Beispiel. Leider setzt das Spiel gegen Ende auf die sogenannten Quick Time Events, das ist schade denn mit diesen hab ich so meine liebe Mühe. In den Kämpfen ist es immer mal wieder notwendig einen Konter anzubringen, hier scheint die Zeit aber großzügig bemessen zu sein. Nur bei Bosskämpfen artet das schnell in das möglichst hektische Drücken von Knöpfen aus. Schade. Feinde werden übrigens nach dem üblichen Rot/Grün Schema identifiziert. Das ist aber nicht so schlimm wie es anmutet, da in den meisten Missionen keine Verbündeten zu sehen sind, oder diese gleich im selben Fahrzeug stecken oder es von der Örtlichkeit klar vorgegeben ist. Missionskritisch und unter Zeitdruck musst du hier fast nie zwischen Freund und Feind unterscheiden. Ein Nachteil waren die wohl fehlenden Untertitel. Das heißt sie fehlen nicht, zu – Vorsicht aus den Fingern gezogene Statistik – 95% waren sie da. Aber manchmal eben leider auch nicht.

Fazit

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dEnamed meint: thumbsup

So nach einigen Wochen Zeit weiß ich nun, das Spiel hat mir Spaß gemacht. Es ist ähnlich wie GTA und doch ganz anders. Es ist ernster, dunkler und durchaus auch heftiger. Die gezeigte Brutalität hätte man aber durchaus zurückschrauben können. Ich bin da eigentlich nicht empfindlich, nerv mich aber an wenn es irgendwo zum Selbstzweck wird. Die großartige Batman Arkham Spielereihe schafft es doch auch den Nahkampf nicht in einer blutigen Metzelorgie enden zu lassen. Sei es drum, die Charaktere sind interessant, die Atmosphäre ist absolut genial und wenn du das Spiel in einem günstigen Deal findest, dann lohnt es sich fast schon nur der Atmosphäre wegen zuzuschlagen und sich einfach die Stadt anzuschauen. Und die Radios. Und den Leuten auf der Straße zuhören. Und durch die Hintergassen schlendern.

~dEnamed

Sleeping Dogs. Spiel.
Herstellerseite: Square Enix
Erhältlich auf Steam für aktuell 39,99€ (ist öfters im Sale)

Über den Autor

dEnamed

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