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Mrz 05 2013

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Re:[Buch] Bonsai – Chuck Palahniuk

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Cover zu Palahniuks „Bonsai“
(via randomhouse/Goldmann)


Bonsai ist nicht in die USA gekommen, um die amerikanische Sprache und Kultur kennen zu lernen; im Gegenteil: Er ist Agent eines Landes, welches die korrupte, dekadente US-amerikanische Konsumkultur zerstört sehen will. Sein Auftrag ist Infiltration und dann ein Stich ins Herz des Landes. Wer sollte eine Horde pubertierender Teenager schon als Bedrohung ansehen? Niemand. Etwa sein Gastvater, dick und massig wie eine Kuh? Seine spindeldürre Gastmutter mit ihrer hektischen Art eines Huhns? Der pubertierende Schweinehundbruder? Sicher nicht. Nichts ahnen sie.
Aber ganz so einfach ist es nicht, wird doch der dreizehnjährige Bonsai mit dem Problem konfrontiert, das alle Jungen in seinem Alter durcheinanderbringt. Mädchen. Bei Bonsai ist dies die Katzschwester, aber nicht nur, weil seine Hormone mit ihm durchgehen. Die undurchschaubare Katzschwester verhält sich wie eine Agentin. Weiss sie von seinem Vorhaben? Hat sie den Auftrag, ihn zu stoppen? Oder überschätzt er sie einfach?

Agent Ich auf hochgeheime Mission zu zerstören amerikanische Land

Grossartig ist die Sprache, die Palahniuk in diesem Roman konstruiert (ein dickes Lob hier auch dem deutschen Übersetzer Werner Schmitz, der die schwierige Aufgabe sehr gut meistert). Ich hatte den Eindruck, dass mir ein kaltblütiger, hyperintelligenter Dreikäsehoch mit russischem Akzent gegenübersitzt, und sich kein Iota drum schert, grammatisch korrekte Sätze zu bilden. Ich konnte nicht anders, als mir gelegentlich Passagen laut vorzulesen, und den Akzent hineinfliessen zu lassen.
Hier eine kleine Kostprobe von mir, damit du erahnen kannst, was dich erwarten könnte:

Dies sein Aufzeichnungen von Agent Ich mit Mission zu zerstören amerikanisch Kultur. Mit andere Agenten ist gekommen mit Flugzeug von glorreiche Heimat. Nach Flug Agent Ich betrete Land von unbegrenzte Möglichkeite zu infiltrieren Gastfamilie. Sie glauben, diese Agent komme zu lernen Sprache und Kultur, aber glorreiche Heimat habe befehlen, zu ausführen Operation Chaos. Amerika davon nichts wissen und Familie sowieso keine Ahnung: sein beschäftigt mit ihre kleine dekadente Leben zu schauen Fernsehen, zu essen schlechte Essen und zu ausgeben viel Geld für Dinge, sie nicht brauchen.

Laut Palahniuk ist Bonsai zwar kein Russe, eher ein Mischmasch aus diversen totalitären Regimes des zwanzigsten (und einundzwanzigsten) Jahrhunderts. Aber es könnte durchaus sein.
Zu Beginn war ich noch leicht irritiert und stellte es mir mühsam vor, einen ganzen Roman in gebrochenem Deutsch lesen zu müssen, aber Palahniuk schuf Bonsais Sprache nicht willkürlich. Sie ist sehr konsequent und folgt einem gleich bleibenden Muster. Nach zwanzig-dreissig Seiten hatte ich mich gänzlich an die Sprache gewöhnt (und brachte den russischen Akzent nicht mehr aus meinen Ohren).

Im Artikel über Chuck Palahniuk habe ich geschrieben, wie er minimalistisch schreibt. Genau an diesem Roman wird es besonders deutlich. Man könnte meinen, dass Palahniuks Fähigkeit Dinge zu beschreiben unter dem gebrochenen Deutsch leide. Doch weit gefehlt. Er ist ein Meister darin, mit wenig viel auszusagen. In Bonsai ganz besonders. Zum Beispiel haben die Amerikanischen Kinder der Schule, die Bonsai besucht, in der Regel keine Namen und keine Gesichter (auch die Katzschwester nur sehr begrenzt). Insbesondere die Mädchen werden von Bonsai durch Schweinehundbruders Einfluss durchgehend mit einer Metapher ihrer Körbchengrösse bezeichnet. Miss Melone, Miss Pampelmuse, Miss Stossdämpfer. Oder der Priester der Baptistengemeinde nennt Bonsai Teufel Tony. Kurz und bündig, mit einer unverkennbaren Wertung, direkter als einem lieb ist, und dennoch passend und einprägsam.

Es war schwer, das Buch nicht in einem Stück zu lesen. Ich habe mich köstlich amüsiert.

Einzig das Ende geht mir nicht ganz auf. Die darauf hinzielende Entwicklung ist nicht ungewöhnlich für einen Palahniuk-Roman und eigentlich auch nicht überraschend. Aber wie sich der Abschluss konkret in den letzten Seiten darstellt hat mich dann etwas verwirrt. Es entsprach nicht ganz dem Bild, das mir während der Lektüre von Bonsai aufgebaut hatte und nicht der Vorstellung, die ich von Palahniuks mitunter doch recht abstrusen Twists am Ende der Romane gewohnt bin.

Fazit

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Vega meint: thumbsup

Trotz des etwas ungelenken Endes ist der Roman herrlich zu lesen. Wie ich am Anfang fälschlicherweise annahm, verhindert das gebrochene Deutsch des Protagonisten und Erzählers Bonsai den Lesegenuss überhaupt nicht, es verstärkt ihn sogar.
Durch Bonsais naive Erzählweise und seine Art, für uns alltägliche Dinge mit einem Wort vollständig zu entlarven, produziert er Absatz für Absatz einen Lacher nach dem anderen. Wie ist es für einen Dreizehnjährigen aus ärmlichen Verhältnissen, wenn er zum ersten Mal in eine Amerikanische Shopping Mall geht? Oder wenn er zum ersten Mal die gekreuzigte Jesusskulptur in einer Kirche sieht und nicht weiss, wer das ist?
Durch die Aussenperspektive erhält man als Leser einer westlich orientierten Kultur einen Blick, eine Perspektive, die man im Alltag nicht einnimmt. Auf einmal wird einem klar, wie lächerlich vieles eigentlich ist, oder wie hübsch, aber falsch hergerichtet mit einer sehr dünnen Fassade.

Während in den meisten Romanen von Palahniuk ein gewisser Fatalismus und Tragik durchschimmern, ist Bonsai auf den ersten Blick einfach nur lustig. Doch auf den zweiten Blick ist der Humor beissend, mitunter rabenschwarz und mit zynischer, unterschwelliger Zweideutigkeit, was die Geschichte für meinen Geschmack zu einer von Palahniuks besten macht

~ Dani Vega

Bonsai. Im Original: „Pygmy“.
Von Chuck Palahniuk.
Ins Deutsche übertragen von Werner Schmitz.
Erschienen beim Goldmann Verlag, 2009. 255 Seiten.
ISBN: 978-3-442-54664-0

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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