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Feb 22 2013

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[Visual Novel] Analogue: A Hate Story

Das Logo der Visual novel A Hate Story

A Hate Story, Visual novel
(von: ahatestory.com)

Es gehört zu den Standardgeschichten des Science Fiction. Ein antikes Raumschiff, seit Ewigkeiten verschwunden, taucht plötzlich wieder auf. Die Mugunghwa ist eines dieser Geisterschiffe. Noch vor der Entwicklung der Faster Than Light-Antriebe wurde es als Generationenschiff in den Weltraum entsendet, doch es kam nie am Ziel an. Jetzt, hunderte Jahre später, treibt die Mugungwha antriebslos aber augenscheinlich unbeschädigt im Orbit von Antares B. Die KI *Mute soll einem laut Briefing dabei helfen den Unfall zu rekonstruieren, doch als die Systeme des Schiffes nach Jahrhunderten wieder gestartet werden, begrüsst eine andere Ki, genannt *Hyun-ae, den Spieler.
Das ist der Ausgangspunkt von Analogue: A Hate Story. Es ist an der Zeit herauszufinden welche Tragödien an Bord der Mugungwha geschehen sind. Analogue ist eine Geschichte von Liebe, Verrat und Zwangsheiraten in einer Gesellschaft, die ihre kulturellen Wurzeln längst vergessen hat.

Um was geht es?

Analogue ist eine sogenannte Visual Novel. Diese Werke stehen oft an der Grenze zwischen Spiel, Comic und Buch. Visual Novels genießen vor allem in Japan Wertschätzung und haben starke Wurzeln im Manga und Anime, aus denen vor allem Optik, Erzählstruktur und Stilmittel entliehen werden. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Analogue von Christine Love greift zwar ebenfalls diese Elemente auf, setzt aber einen stärkeren Fokus auf die erzählte Geschichte. Christine Love ist so etwas wie ein Shooting Star, der VN Szene. Ihre früheren Werke Digital: A Love Story und Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story (beide kostenlos spielbar) wurden von der Presse gelobt. Die Schulmädchenuniform und das kindliche Aussehen der Charaktere kann dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine erwachsene Geschichte ist, wie auch Anime in den seltensten Fällen wirklich für Kinder gedacht ist.

Wie konnte das nur passieren?

Analogue wird im Wesentlichen mittels dem Lesen der E-Mails der verstorbenen Charaktere gespielt. Anders als bei typischen Computerspielen steht hier aber der Text und die Geschichte klar im Vordergrund. Ist eine E-Mail einmal besonders interessant, kann sie der KI vorgelegt werden, woraus dann jeweils ein Dialog entsteht. Die KI kommentiert und bietet Entscheidungen an. Je nach Reaktion wird die Geschichte fortgesetzt. Diese Entscheidungen haben es in sich. Die Rolle des Spielers wird frech im Spiel aufgegriffen und eingebunden, schon im Briefing schmettert es mir ziemlich direkt entgegen It should be asocial enough for you. Na danke.

Aber im Prinzip trifft es auf den Charakter und den Spieler zu. Aus der sicheren Distanz liest du in diesem Spiel die intimsten, teils sehr expliziten, Geheimnisse der längst toten Bewohner der Munganghwa. Daraus setzt sich Stück für Stück das Puzzle zusammen. Diese besondere Rolle wird durch die gelegentlichen Entscheidungen noch einmal verstärkt. Die beiden KIs *Mute und *Hyun-ae stellen wertende Fragen zu den Briefen. Als ich zum Beispiel einen Brief las, bei dem eine Frau dafür bestraft wird, das sie es wagte zu widersprechen, fragt *Hyun-ae ob es wirklich so schlimm sei, zu widersprechen. Wie das Beispiel zeigt, geht es bei Analogue nicht zuletzt auch um Moralvorstellungen und Geschlechterrollen in besonderen Verhältnissen. Dieser Faden zieht sich so durch alle bisherigen Visuals Novels von Christine Love.

Ein Überblick über das Interface der Novel

Eigener Screenshot aus „Analogue: A Hate Story“

Emotionale Geschichten

Bei dem was in den Tagebüchern und Briefen zutage kommt, ist es schwer die Entscheidungen nicht wie eine moralische Instanz zu werten. Sich nicht von außen über die Charaktere zu stellen und zu urteilen. Hier liegt das vielleicht größte Talent von Christine Love. Die Texte stecken voller Emotionen, sie sind lebensnah geschrieben und die Charaktere werden greifbar. Das macht die Ereignisse an Bord der Mugunghwa dafür nur noch tragischer, mit jeder E-Mail, mit jedem Tagebuch Eintrag verdichtet sich das Bild. Die verschiedenen Handlungen greifen meisterhaft ineinander über und führen geradezu explosiv zur Katastrophe, deren Ausgangspunkt das Spiel ist: Die antriebslose Muganghwa. In Analogue war es für mich schwer unbeteiligt zu bleiben.

Die Stärke liegt in den Details

Dabei ist Analogue eines jener Werke, die du durchaus mehrmals lesen (spielen?) kannst um all die feinen Anspielungen zu finden. Die Geschichten sind fein nuanciert und Entwicklungen deuten sich lange vorher an. Ich hab mir eingebildet aufmerksam zu lesen und trotzdem wahnsinnig viele Anzeichen verpasst. Love hat ein ganzes Arsenal an Chekhovs Pistolen versteckt, kein Element ist je für die Handlung unwichtig. Gerade weil die Details so wichtig sind, hatte ich allerdings ein gewisses Problem mit den asiatischen Namen der Besatzung. Sun-hi und Oh Ji-In, Yeong-Seok, Heo Min-jung und viele andere. Hier hatte ich manchmal Mühe den ganzen Familienbanden und Intrigen zu folgen, weil mir nicht immer klar war, wer zu wem gehört. Siehst du? Hab die Namen schon wieder vergessen. Die Visual Novel liefert zum Glück Stammbäume mit, die ich für meinen Geschmack aber etwas zu oft konsultieren mußte. Vielleicht werde ich auch nur alt – bei Metro 2033 hatte ich mit den Stationsnamen der Metro ein ähnliches Problem.

Fazit

denamed_100x
dEnamed meint: thumbsup

Muß die Schulmädchen-Uniform denn wirklich sein? Okay, gut, das ist mein persönliches Problem und tut der Story keinen Abbruch. Die Anime-Klischees nehmen dann auch den kleinsten Teil ein. Ansonsten weiß ich nicht wo ich mit der Kritik ansetzen sollte. Analogue: A Hate Story ist das, was es sein möchte. Eine spannende Geschichte, mit gelegentlichen Entscheidungen und einer dichten Atmosphäre, die vom Soundtrack stimmig untermalt wird. Analogue: A Hate Story ist auch für Leute fernab von Visual Novels interessant. Ich bin schließlich selber nicht so der Visual Novel-Freund und habe es dennoch mit Freude gelesen. Ein Spiel sollte aber nicht erwartet werden, sondern mehr eine Geschichte zum Anklicken bei der ab und zu eine Entscheidung getroffen werden muss.
Kurz: Analogue: A Hate Story ist faszinierender und fesselnder Lesestoff, nicht Spielstoff.

~dEnamed

Analogue: A Hate Story. Visual Novel.
Von Christine Love
Erhältlich auf Steam für 9,99€

Über den Autor

dEnamed

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