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Feb 25 2013

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Re:[Buch] Fiebertraum – George R. R. Martin

cover_fiebertraum

Cover zu George R. R. Martins „Fiebertraum“
(via randomhouse/Heyne [Direktlink leider nicht mehr gültig])


Abner Marsh, Schiffskapitän und Direktor einer Dampfschiffgesellschaft am Mississippi, steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Als ob eine Kesselexplosion noch nicht genug gewesen wäre, zerstörte der gefrorene Fluss im vergangenen harten Winter nun auch noch fast seine gesamte Flotte. Da sucht ihn Joshua York, ein reicher Europäer, auf und unterbreitet ihm ein Angebot, das fast zu schön ist, um wahr zu sein.
York bekundet grosses Interesse an der Flussschifffahrt und will Teilhaber an Marshs Gesellschaft werden. Mit seinem Vermögen will er das grösste und schnellste Flussdampfschiff bauen. Die einzige Bedingung: York will Co-Kapitän werden und mit dem Schiff einige persönliche Interessen verfolgen. Marsh soll keine Fragen stellen, nur tun, was York ihm aufträgt.
Cap’n Marshs Interesse ist geweckt. Marsh sieht in York und dessen Vermögen einen Ausweg aus seiner Misere, er wird über die Macken des reichen englischen Dandys mit Leichtigkeit hinwegsehen. Doch kaum ist die
Fevre Dream vom Stapel gelaufen und gräbt ihre Schaufelräder in die Strömung des Mississippi, machen abstruse Gerüchte die Runde. York sei gar kein richtiger Mensch, nie sehe man ihn tagsüber, und seine nächtlichen Streifzüge, wenn die Fevre Dream angelegt hat, stimmen so manchen Passagier und manches Crew-Mitglied misstrauisch. Marsh gerät in einen Loyalitätskonflikt. Wer ist dieser York wirklich und was führt er im Schilde? Soll er sich an die Abmachung halten und beide Augen zudrücken oder soll er den quälenden Fragen nachgehen?

George R.R. Martin, bekannt für seine Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. die Verfilmung „Game of Thrones“, hat mit Fiebertraum einen ungewöhnlichen Roman geschaffen. Ich verband mit dem Namen des Autors ein pseudo-mittelalterliches Setting mit starker Gewichtung auf Figuren und Handlung, umso überraschter war ich, wie detailliert und ausführlich Martin die Flussschifffahrt und auch die Sklavenfrage im Amerika des 19. Jahrhunderts schildert und für einen Laien wie mich erstaunlich nachvollziehbar illustriert.
Doch nicht nur deswegen ist der Roman so gut. Am meisten faszinierte mich der Protagonist Abner Marsh. Es ist einfach, eine junge, unerfahrene, etwas naive, aber gutmütige und ansehnliche Person dem Leser nahe zu bringen, damit er sich mit ihr identifizieren kann. Cap’n Marsh ist weder jung, noch unerfahren, noch naiv, er ist hitzköpfig und stur und sein Äusseres ist wahrlich keine Augenweide. Er ist ein gestandener Mann, der im Leben schon viele Höhen und Tiefen erlebt hat, er bringt über dreihundert Pfund auf die Waage, isst für sein Leben gern und mag es gar nicht, wenn ihm jemand widerspricht. Im Buch wird er manchmal sogar als der hässlichste Mann auf dem Mississippi beschrieben. Man könnte meinen, nichts läge einem Leser ferner, als sich in die Lage eines solchen Mannes hineinzuversetzen, der alles andere als ein idealer Held ist, und doch gelang es mir erstaunlich leicht.
Es ist Marshs Leidenschaft für die Schifffahrt, sein Ehrgeiz, seine natürliche Autorität, die auf den Leser überschwappen wie die durch den Schiffsbug aufgeschäumt Gischt. Nicht zuletzt trägt auch seine Neugierde um den mysteriösen Joshua York ihren Teil bei. Ich war wie gefesselt.

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Vega meint: thumbsup

Fiebertraum ist nicht nur eine Schiffsreise den Mississippi hinab. Es ist eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert, eine Reise in die Psyche eines gestandenen Mannes und eine Entdeckungsreise in ein Genre, das ich als „Historical Steampunk Fantasy“ bezeichnen würde: Realistisch, Dampfmaschinen wohin das Auge reicht, und übernatürliche Wesen. Eine gewagte, aber überaus gelungene Mischung und deshalb absolut empfehlenswert – auch für Leser, die wenig mit der Epoche der Industrialisierung und der Sklavenhaltung im jungen Amerika anfangen können.
Fiebertraum ist das beste Beispiel dafür, dass George R.R. Martin kein One-Hit-Wonder ist.

~ Dani Vega

Fiebertraum. Im englischen Original: Fevre Dream.
Von George R.R. Martin.
Deutsche Übersetzung von Michael Kubiak.
Erschienen beim Heyne Verlag, 2008. 511 Seiten.
ISBN: 978-3-453-53285-4
[Das Hardcover läuft unter dem Titel „Dead Man River“;
ISBN: 978-3-89064-529-2]

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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