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Jun 11 2013

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Gewalt gehört dazu! Verdammte Axt!

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Citizen Kane of Gaming? Pfft, Heart of Darkness of Gaming.
Screenshot aus dem Spec Ops The Line Trailer (via Youtube )

Reden wir mal über die Spieleindustrie. An der Oberfläche geht es um die böse Gewalt, im Herzen der Debatte steht auf allen Seiten eine einfache Aussage: Spiele! Seid wie ich es will, sonst habt ihr keinen Wert. Das Ganze mischt sich mit einer Debatte die bei weitem nicht neu ist. Oh weh, welch große Not, es sei die Industrie doch schon lange tot! Es ist das Ende einer Konsolengeneration – mal wieder. Es trieft und tropft vor Doom and Gloom – mal wieder. Das ist quasi Branchenstandard seit dem Videogamecrash. Vier Millionen heimlich verscharrte ET-Spielekasetten wurden zum unheiligen Beschwörungskreis für endlose Untergangszenarien. Der Untergang ist der Lifestyle, Todesprophezeiungen sind très chic. Also, Gebiss rein, Opa redet jetzt über die Spieleindustrie. Fanatische Freunde kleiner Indieplattformer korrigieren bitte vorher den Herzschrittmacher.

Die große Indierevolution

Weißt du was das wunderbare an Indie ist? Nicht der König ist futsch, sondern Indie ist kapooott. Indie ist ganz anders als die Standardindustrie wo Jahr um Jahr der gleiche Aufguss kommt. Call of Duty! Call of Duty Klon #1, Call of Duty Klon #238. Gell, da wirste ja bekloppt im Kopf. Ein Glück gibt es das El Dorado der Kultur, der Blick auf die Indie-Bundeslade. Der Indieszene verdanken wir so wunderbare Spiele wie Braid, Cave Story und Fez, Proteus und Dear Esther. Wir verdanken ihr auch die Spiele Braidklon #1 und Braidklon #2, Cave Story Klon #291 ist auch ganz toll und kommt schon fast ans Original ran! Ach ja, nee. Nicht so wirklich. Was der Industrie ihre Military Shooter sind, endet in der Indieszene in einem Schwarm von 2D-Plattformer-Spielchen. Dazwischen finden sich immer wieder besondere Juwelen – in beiden Sparten. Shadow of the Colossus ist mindestens so ein Meisterwerk wie Braid. SpecOps: The Line ist mindestens so heftig wie Apocalypse Now. Das sind nur zwei Beispiele wozu die ach so böse Industrie fähig ist.

Die Krone des Unsterblichen

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Lecker, herzhaft, wie das duftet… (via G4TV)

Aber weißt du was, der König ist sogar unsterblich. Er ist ein Phantom, ein körperloses Konstrukt von dem niemand genau weiß, was es eigentlich ist. Bastion zum Beispiel, das Spiel mit der unglaublich dichten Atmosphäre, zeigt alle Anzeichen eines kleinen Garagenteams und wird gern als Paradebeispiel für Indie-Entwickler herumgezeigt. Schau, heißt es, was die alles können. Bastion war genial, das sprech ich nicht ab. Aber mit Indie hat es überhaupt nichts zu tun, so leid es mir tut. Mit Warner Bros. Interactive Entertainment als Publisher ist man soweit weg von Indie, wie es ideologisch überhaupt nur geht. Das nächste Beispiel, du ahnst worauf es hinausläuft, Valve. Bekannt für das Onlinemonopol auf Spieleverkäufe und übrigens auch bekannt für Half-Life, Portal oder auch Left 4 Dead. Nach Definition Indie bis zum äußersten, denn sie vermarkten und verkaufen ihre Spiele alle selbst. Würde im Traum keinem einfallen Valve Indie zu nennen und im gleichem Atemzug Bastion den Status abzuerkennen, oder? So liegt es aber in der Natur der Sache. Indie steht für Independent, unabhängig. Valve ist das, Bastion nicht. Bescheuert, oder? Es geht noch absurder. Kennst du Stardew Valley? Ein vielversprechendes kleines Indie-Spiel. Herausgegeben von Chucklefish, die ihrerseits das nette kleine Indie-Spiel Starbound entwickeln. Jep. Und nun der Coup de grâce: EA, Teufel der Spieleszene, Worst Company in America, EA fucking Indie Bundle. Autsch.

Die verlorene Seele

Treffer, versenkt. Nun kann man sicher sagen, daß Indie zu gleichen Teilen auch eine Idee ist, eine Ideologie. Eine Szene mit Selbstverständnis und eigenen Tropen und eigener Ethik. Da wird es dann auch leichter obige Sonderfälle zu erklären. Natürlich ist Bastion Indie, kleines Team und es passt vom Hirn und vom Herz genau in die Indie-Passform. Ergo, Bastion = Indie. Das ist toll.
Aber was bedeutet diese Idee „Indie“? Schau dir mal Facebook-Spiele und die App-Märkte an. Geklaute Idee um geklaute Idee, ein endloser See frechdreister Abzocke und gegenseitigen Bestehlens. Ganze Spiele werden 1:1 geklaut, umgefärbt und als eigenes verkauft. Erklär mir doch mal wo die tolle Indie-Ethik bei Luftrausers versus Skyfar geblieben ist? Frechdreist, weil frech allein nicht mehr ausreicht. Und wenn wir von Pech sprechen, Super Crate Box vom gleichen Entwickler tauchte als Muffin Knight wieder auf und ihr Spiel Ridiculous Fishing erfuhr eine außerhäusliche Umbenennung in Ninja Fishing. Der ganze App Schmarrn und Facebook Cowcliker-Mist ist genauso Indie. Zynga ist Indie. Endlose Plattform Puzzle Spiele sind Indie. Edmund Mc Millen, bekannt für Super Meat Boy und so Aussagen wie „I’m like in a fucking concentration camp“, sind Indie. Phil „Suck my dick“ Fish, Entwickler von Fez, ist Indie. Ernsthaft, Indie taugt weder als strikte Definition noch als Idee etwas. Am Ende steht einfach ein zusätzlicher Vertriebsweg über den wir an einige wunderbare Spiele herankommen, der aber mindestens soviel Bockmist produziert wie die Industrie selbst. In der Summe macht das mehr gute Spiele, yay, aber im Durchschnitt bleibt es gleich.

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Original? Klon? Inspiriert? Frech! Skyfar („inspiriert“) versus Luftrausers (Original)

Die Sache mit der Gewalt

Gut, es ging mal irgendwo als Rahmenhandlung um Gewalt. Gewalt ist so ein tolles emotional aufgeladenes Thema. Da kann niemand dafür argumentieren ohne gleich als Barbar darzustehen. Ich mein, Gewalt hat keinerlei positive Aspekte sondern ist eine dem Schaden gewidmete Tätigkeit. Dennoch gehört Gewalt zu Spielen dazu, schlimmer noch, sie gehört zum Menschen dazu. Gewalt ist eine Unterströmung von Konflikt. Der Konflikt aber ist das treibende Element unser aller Geschichten. Der Konflikt ist der Spannungsbogen. Jedes Buch, außer vielleicht Werke des modernen Romans, beinhalten einen Konflikt. Sei es der Konflikt mit der Gesellschaft, sozialer Konflikt, kultureller Konflikt oder auch nur ein innerer Konflikt. Der Unterschied zwischen zwei Spannungspolen bildet den Spannungsbogen und die Gesamtheit dessen ist der Konflikt. Ein Beispiel aus einem Buch das ich vor kurzem gelesen habe:

Spannungspol A:
Eine Frau unterrichtet neu in einem Fortbildungsseminar für Langzeit-Arbeitslose und fühlt sich unsicher und unwohl damit. Sie ist sich unsicher wie sie mit den Menschen umgehen soll.

Spannungspol B:
Die Frau hat sich vollständig in die kuriose Welt integriert und Erfahrungen gesammelt. Sie fühlt sich sicher, ist beliebt und integraler Teil der Gemeinschaft.

Spannungsbogen:
Zwischen A und B liegend finden sich verschiedenste Ereignisse die der Annäherung an B mal helfen und mal schaden. Die Spannung entsteht durch die Frage ob die Frau es schafft an Punkt B anzukommen.

Konflikt:
Der Konflikt ist ein Innerer, sie fühlt sich unsicher, aber auch ein äußerer, sie wird zu Anfang nicht akzeptiert.

Konflikt ist das treibende Element jeder Geschichte. Der Konflikt ist die Handlung, der Wandel und das Ende. Ohne Konflikte keine Entwicklung der Charaktere, keine Emotionen, keine Hoffnung, keine Spannung. Nur ein durchgehend gleichbleibender Zustand. Soll die Lösung jetzt sein, einfach jeder Geschichte den Spannungsbogen zu entreißen? Der moderne Roman macht das. Aus irgendeinem Grund bleibt der moderne Roman wie Stein in den Regalen liegen.

… Noch ist nicht alles gesagt. Auf Seite 2 geht es weiter.

Über den Autor

dEnamed

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