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Mai 23 2013

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[Game] System Shock 1&2 — Die KI dreht durch

Der Blick auf Shodan aus besagtem Spiel

Logo von System Shock 2 (via Steam)

GLaDOS aus Portal ist eine fiese KI, keine Frage. GLaDOS ist der kleine Schulhof-Tyrann. Ups, dein Butterbrot ist in den Dreck gefallen. Haha, war das ein Spaß. Ups, deine Nase auch. Haha. Aber weißt du vor wem GLaDOS so richtig Schiss hat? Du weißt schon, selbst der Teufel hat schließlich Schwiegereltern… SHODAN. Look at you, hacker. A pathetic creature of meat and bone, panting and sweating as you run through my corridors. How can you challenge an immortal machine? Irgendwann in den 90ern hat Looking Glass ein unvergleichliches Monstrum erschaffen. Die Reihe beginnt harmlos, ein kleiner Schmalspur-Hacker knackt die Sicherheitssysteme des Tri-Optimum Konzerns. Besonders clever war er nicht. Statt den Hacker verschwinden zu lassen, bietet ihm Edward Diego ein Angebot an, das er nicht ausschlagen kann. Entfern die ethischen Sperren der KI SHODAN auf der Raumstation Citadel und du bekommst ein Cyberinterface vom Militär. Klare Sache, ich mein, ein echtes Cyberinterface, scharf! With ethical restraints removed. Shodan re-examined re-re-re-r-r-r… I re-examine my priorities and draw new conclusions. The Hacker’s work is finished. But mine is only b-b-b-b-eginning. Well, Shit.

Das Grundlegende

Bevor ich hier großartig von genrebrechenden Neuerungen in einem fast schon antikem Spiel schreibe, erzähl ich dir doch mal einfach kurz was System Shock eigentlich ist. Im Prinzip sind beide System Shock-Teile First Person Shooter. Es ist die alte Leier von Zielen, Laufen und peng peng. Als das Spiel rauskam, war es trotzdem revolutionär, wir reden hier von einer Zeit bevor ein Gordon Freeman Black Mesa unsicher gemacht hat, sogar noch bevor Quake die deutschen Jugendschützer in Panik versetzte. Das Spiel nahm die bekannte Ballerthematik und fügte dem eine wunderbar dichte Atmosphäre hinzu. Aus Audiologs musste man Passwörter herausfischen, Keycards drehten sich nicht nur einfach im Kreis, sondern waren logisch in der Spielwelt deponiert. Meistens in den Taschen Unglückseliger. Dazu war die Munition stark begrenzt. Das war damals einfach ein ganz anderes Spielgefühl. Ein Cyborg steht genau auf der Keycard, die Pistole ist leer. Das Licht flackert und unheilvolles Jammern streift durch die nüchternen Gänge. Mit einem schnellen Sprint wäre es vielleicht zu schaffen. Oh Gott… oh gottogott, oh verdammte Axt, hoffentlich ist der Raum da leer… argh, Mutanten, nächste Tür… Oh gott, lauf doch schneller. Die Rettung naht in Form eines Wartungsschachtes. Vertrocknetes Blut macht die Leiter eklig und ich will lieber überhaupt gar nicht wissen was da noch alles drin ist. Nein, echt nicht. Der Cyborg? Hah. Zu groß. Ein Lautsprecher knackt und die verzerrte SHODANs zerschmettert alle Hoffnungen „I have complete control of this entire level. With cameras as my eyes and nodes as my hands, I rule here. Insect.“ Das Licht geht aus. Oh verdammte Axt…


Trailer zu System Shock 2
(User GOGcom via YouTube)

Die „Shock“-Reihe

Die Shock-Reihe ist den meisten heute wahrscheinlich durch Bioshock bekannt. Bioshock ist der spirituelle Nachfolger von System Shock 1 und 2 und die Ähnlichkeit besteht im breiteren Rahmen der Reihe. Die Spiele gehen von einer simplen Idee aus, einer Person mit einer eigentlich genialen Gesellschaftsidee, die aber sichtbare Lücken und Macken aufweist. Diese Idee wird in isolierten Umgebung umgesetzt. Was in Bioshock die Idee einer utopischen Atlantis-Gesellschaft ist, beginnt in System Shock mit der Raumstation Citadel und fährt im zweiten Teil mit den beiden verbundenen Raumschiffen Von Braun und Rickenbacker fort. Vom utopischen Geisteszentrum eines Raptures also zum Überlichtantrieb der Von Braun. In diese heterogene Menge an Interessen tritt die Handlung des Spiels und wirft mit der ganzen Verachtung einer beleidigten Katze die Gesellschaftsordnung vom Tisch. Irgendein Element bringt das fragile Gebilde zum Einsturz. Was dann folgt ist der rapide Abstieg in Wahnsinn, Gewalt und nackten Überlebenswillen. Als Spieler steigst du in diese vom Himmel gefallenen Welten ein und erlebst wie dünn die Fassade menschlicher Empathie manchmal sein kann.

Die akademische Note

Der Spieler ist der Fremde, der von außen an das Szenario herantritt. System Shock ist praktisch eine soziologische Studie zum Selberspielen. Wie ein Konfliktforscher stehst du vor den Trümmern einer Gesellschaft, ein System, in das du absolut nicht hereingehörst, aber aufgrund äußerer Umstände nun einmal drinsteckst. Die Einblicke, die dir das gewährt, sind phänomenal. Was von außen wie das unvermeidbare Werk einer größenwahnsinnigen KI wirkt, entpuppt sich Schritt für Schritt als eine Aneinanderreihung sinnloser Fehler, Missverständnisse und Machtgier. Als Außenstehender siehst du all die Punkte, an denen du das Schicksal hättest umdrehen können, wenn du nur eher vor Ort gewesen wärst.
Ein Beispiel, warum die Reihe so wahnsinnig großartig ist: Edward Diego, der Vizepräsident von Tri-Optimum. Der aus dem Vorwort. Genau, Auslöser der Apokalypse. Im zweiten Teil findet sich William Bedford Diego. Sein Sohn. Sein Leben war ein kleines wenig schwierig. Wie wächst ein kleiner Junge auf, dessen Vater aus Gier beinahe die ganze Menschheit zerstört hat und dessen Mutter sich aufgrund Schulden und medialen Vorwürfen umgebracht hat? William Bedford wird die Antithese zu seinem Vater und tritt eine Militärlaufbahn an. Als das Tri-Optimum Forschungsschiff Von Braun einen neuen Überlichtantrieb testen soll, bekommt sie eine Eskorte sprichwörtlich angeflanscht. Die UNN Rickenbacker unter dem Kommando von genau jenem William Bedford Diego, wird mit der Von Braun verbunden und begeht so gemeinsam die Reise. Spätestens als die ersten Toten auftauchen, kochen die gegenseitigen Schuldzuweisungen hoch und William reagiert in vielen Fällen härter gegen Tri-Optimum-Personal als eigentlich notwendig. Derlei nachvollziehbare Schicksale gibt es viele, und sie sind es die das Spiel so wertvoll und besonders machen.

Psi Amplifier in Aktion

Screenshot aus System Shock 2 (via Steam)

Warum denn nicht über „Bioshock: Infinite“ schreiben?

Kurze Antwort, weil ich es noch nicht gespielt habe. Lange Antwort, weil ich System Shock um Längen faszinierender finde. Das liegt nicht zuletzt daran, daß viele Gameplay-Elemente aus der Shock-Reihe in System Shock noch Sinn ergaben, diesen Sinn aber in späteren Teilen verlieren. Beispiel Bioshock 1 und 2. Ich spreche von den körperlosen Stimmen. Während du durch die jeweiligen Hallen streifst, kommentieren Stimmen aus dem Off dein Vorgehen. In einer Raumstation mit einer völlig verrückten KI, als wahrscheinlich letzter Überlebender durchaus sinnvoll und verstärkt die Atmosphäre ungemein. Aber in einer gewaltigen Unterwasser oder Luftstadt wo einfach +1 mordendes Hohlbrot (Spieler) durch die Gänge stiefelt, wirkt die Stimme aus dem Off irgendwie unpassend. Ähnlich mit den Audiologs, die ja heute zu praktisch jedem Spiel dazugehören. Irgendwie hat das System Shock damals eleganter gelöst, die Audiologs lagen an Positionen, wo es passte. Das Gesprochene war kontextbezogen. Die einmal über die ganze Karte gesplatterten Tagebucheinträge Teil 1 bis 17 1/2 sind da nur ein fahler Abglanz. Wie eine Kunstklasse, die ein Pointilismus-Bild malen soll, aber davon nur einmal gehört hat: Seurat und so Zeugs, weißt du, und von Kontrast und Farbenlehre keine Ahnung. Das Ergebnis verdeutlicht den Unterschied zwischen Meister und Bioshock.

Captain Giblet und die Fetzen

Was wie eine alternative Indie-Band klingt, beschreibt den Unterschied zwischen Horror und Horror. Das eine ist Horror mit der Hilfe von kleinen dunkelhaarigen Mädchen die zeitlich abgestimmt in die Kamera kreischen. Dazu tritt Captain Giblet auf, der versucht gewohnt geisteskrank die These von beschränkten Blut und Organmengen in Menschenkörpern zu widerlegen. Vorwiegend mit Kettensägen und noch mehr kreischenden Mädchen, diesmal nicht mehr ganz so klein aber dafür mit Silikon ausgerüstet. Das ist Horror wie er mir zu blöd ist. Dann gibt es noch Horror, den System Shock großflächig nutzt. Zugegeben, manchmal drifted es ab in Horror. Leider. Aber dennoch schafft System Shock das Gefühl einer Bedrohung aufzubauen. Von der ersten Sekunde an merkst du, wie unerwünscht du auf dem jeweiligen Raumschiff bist, ein Fremdkörper im System. Vieles wird der Fantasie überlassen und nicht explizit gezeigt und manchmal hockst du halt in kleinen Räumen, die Waffe panisch gen Tür gerichtet und wartest darauf, daß der Alarm aufhört und dieser verfluchte Singsang der Mutierten aufhört.

Das Audiodesign

Wenn hier eins noch besondere Erwähnung finden sollte, ist es das Audiodesign. Die Raumstation und auch die Von Braun werden mit wunderbaren Geräuschen untermalt. Das hört sich einfach ordentlich nach geschäftigen Maschinen und Computern an. Dazu gehört die Stimme SHODANS. Eine normale Sprachaufnahme wurde hierbei verlangsamt, beschleunigt, verzerrt und übereinander gelegt. So daß jede Aussage SHODANS vielstimmig erklingt und sich immer nach Fingernägel über Schiefertafel, gruselig und einfach wunderbar verkehrt anhört. Die Audiologs selber sind ein ähnlicher Fall, Emotionen werden wunderbar in einen Monolog verpackt. Das Audiodesign aus System Shock 2 ist noch einmal eine Spur besser und für mich bis heute die unübertroffene Genrespitze.

Fazit

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dEnamed meint: thumbsup

Ups, da hab ich die Grafik nicht besprochen. Na Hand aufs Herz. Beide Spiele sind mittlerweile sehr alt und besonders der erste Teil ist heute ohne Mods kaum noch spielbar. Das liegt einfach daran, daß wir heute andere Eingabemöglichkeiten gewohnt sind und anderen Komfort erwarten. System Shock 2 geht noch halbwegs, aber auch hier sorgen Mods für eine Modernisierung des Ganzen. Schlussendlich sind es aber doch beides sehr alte Spiele für die du wahrscheinlich eine Nostalgiebrille brauchst, oder aber viel Bereitschaft zum Übersehen von kleinen Fehlern. In ihrer Zeit waren es Meisterwerke, und in manchen Punkten sind sie das noch heute. Solltest du dir das mittlerweile wieder erhältliche System Shock 2 kaufen?
Hm… Ehrlich? Nein. Es ist absolut empfehlenswert, aber wahrscheinlich zu weit weg vom heutigen Geschmack. Hey, bestes Beispiel, Teil 1 kann nicht einmal mehr gekauft werden, weil niemand die Rechte besitzt. Aber wenn du irgendwann mal Bioshock spielst und findest, das Spiel macht das ganz toll, dann mach dir bewusst, daß es nur ein Imitat eines einstmals großen Meisters ist und nicht daran heranreicht.

~dEnamed

System Shock. Spiel.
Von Looking Glass Studios (aufgelöst)
Erhältlich auf GoG für $9.99
Oder auf Steam für 9.99€

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dEnamed

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