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Mai 01 2013

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[Buch] Singularität – Charles Stross

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Cover zu Charles Stross‘ „Singularität“
(via Randomhouse/Heyne)


Was geschieht, wenn man einen kleinen, heruntergekommenen Kolonialplaneten mit einer sich selbst reproduzierbaren Füllhornmaschine ausstattet? Was geschieht, wenn dieser Kolonialplanet einer kaiserlichen Regierung unterstellt ist, die in soziokultureller Hinsicht im 18. Jahrhundert zurückgeblieben ist, aber Technologie vom 24./25. Jahrhundert besitzt? Und was geschieht, wenn sich diese Regierung entschliesst, gegen das „Festival“, die Schenker des Füllhorns, mobil zu machen? Eine blauäugige Kriegstreiberei wird in Gang geleitet. Die kaiserliche Regierung will diesem undurchsichtigen Festival zeigen, was mit Leuten passiert, die das Hoheitsgebiet der Krone besetzen und eine Revolte vom Zaum brechen.
Doch die Mobilmachung würde zu lange dauern. Die Flotte käme zu spät. Das ist natürlich nicht im Sinne der Regierung, weshalb sie zu unlauteren Mitteln greift. Natürlich besitzt offiziell gesehen niemand die Technologie, um an der Zeit herum zu pfuschen. Inoffiziell müssen nur einige geringfügige Änderungen an den Schiffsantrieben vorgenommen werden, um den Angreifern in den Rücken fallen zu können, noch bevor sie den Angriff überhaupt starten. Nur die KI Eschaton darf nichts davon erfahren. Eine weitere Diaspora wäre das Letzte, das die Menschheit gebrauchen könnte.

Multiplanetare Zwangsumsiedlung und „Terminator“

Das Universum von Singularität basiert auf einer multiplanetaren Zwangsumsiedlung, die die Künstliche Intelligenz Eschaton den Menschen der Erde aufgezwungen hatte. Von einem Tag auf den anderen entstanden Wurmlöcher, die über drei Viertel der Erdbewohner verschlangen und tausende Lichtjahre entfernt auf verschiedenen erdähnlichen Planten wieder ausspuckten. Die Menschheit wurde ins Mittelalter zurückkatapultiert. Jahrhunderte später hatten sich interstellare Kommunikation und Reisewege wieder so weit erholt, dass die verstreuten Zivilisationen wieder aufeinandertrafen. Doch alle hatten eigene soziokulturelle Wege eingeschlagen und sich in andere Richtungen entwickelt. Und für alle bleibt die Furcht vor dem Eschaton omnipräsent.

Die Multiplanetare Zwangsumsiedlung durch die KI Eschaton ist auch schon bei Charles Stross‘ Roman „Supernova“ anzutreffen, den ich Ende letztes Jahr besprochen habe (ich hab versehentlich zuerst Teil 2 gelesen). Die Idee erinnert an die „Terminator“-Filme mit dem guten alten Arnie: Skynet schickt Maschinen zurück in die Vergangenheit, um den zukünftigen Anführer der Rebellen zu töten und damit den Widerstand gegen die Maschinenherrschaft zu verhindern. Das Eschaton macht etwas Ähnliches. Es will den Widerstand zwar nicht verhindern, sondern ihn gar nicht erst aufkommen lassen. Das Bewusstsein des Eschaton hatte sich seit seiner Bildung rasant entwickelt, wodurch es irgendwann fürchtete, vernichtet zu werden, wenn es die Menschen nicht am Bauen von Zeitmaschinen hindert. Denn mit Zeitmaschinen würden die Menschen in die Vergangenheit reisen und das Eschaton in seiner Macht einschränken oder gar vernichten können.
So erfolgte die Zwangsumsiedlung und es entstand ein Universum von facettenreichen menschlichen Kulturen. Und ich spreche nicht vom Kulturmix auf der Erde, den gibt es selbstverständlich auch (z.B. die UN als quasi-globale Nation, die aber in der Lokalpolitik nichts zu sagen hat, die soziale Ungleichheit trotz ausreichender Ressourcen, oder die Erdbewohner als Retter/Beschützer/Polizei der Menschheit gegen das Unrechte (cf. USA)), sondern von extraterrestrischen, aber menschlichen Kulturen, die sich für einige Jahrhunderte unabhängig voneinander in teilweise völlig andere Richtungen entwickelt haben.
Du brauchst dich nur zu fragen, was würdest du tun, wenn du von einer Sekunde auf die nächste auf einen unbekannten Planeten teleportiert würdest, wenn du plötzlich kein Heim, kein Haus, kein Auto, kein Strom, keine Infrastruktur mehr beanspruchen könntest? Es gäbe keine Normen, Gesetze und moralische Verpflichtungen mehr. Die menschliche Gesellschaft auf dem unbewohnten Planeten könnte und müsste ganz von vorne beginnen. Die verschiedensten Regierungssysteme kämen und gingen, von Monarchie bis Demokratie, Geschlechterrollen versteifen sich oder werden lockerer, eine soziale Minderheit wird plötzlich zur Mehrheit und umgekehrt und so weiter.

Wo bleibt der Mensch in der Zukunft?

Der Roman ist ganz klar im Science-Fiction Genre anzusiedeln. Es geht um Raumschiffe, nicht-kausale Geschwindigkeiten (Zeitreisen), Künstliche Intelligenzen und um eine Erde, die nicht mehr der unseren entspricht. Und dennoch liegt bei Charles Stross der Fokus nicht auf der Technik. Wohlgemerkt, wenn Stross etwas gut kann, dann ist das Infodumping zu einer nicht existenten Technologie à la „Lieber Leser, du weisst ganz genau, dass es diese Technologie (noch) nicht gibt, aber ich tue jetzt mal so als hätte ich bereits seine Betriebsanleitung in den Finger gehabt“. Was Stross‘ Romane so spannend macht ist nicht die technologische, sondern vielmehr die kulturelle oder besser gesagt: menschliche Seite des Romans. Wie ist die Gesellschaft einer Zivilisation aufgebaut, die soziokulturell im 18. Jahrhundert zurückgeblieben ist? Wie reagiert eine Bewohnerin der liberalen Erde auf die repressive Monarchie eines entfernten Planeten? Wie verhält sie sich, wenn sie auf einem Kriegsschiff jener Monarchie mit in den Krieg zieht und alleine gegen die ganze Besatzung steht? Wie entwickelt eine Revolution auf einem Kolonialplaneten eine Eigendynamik?
Solche Fragen sind, es den Roman spannend machen. Das fast schon nerdige Technik-Blabla verleiht dem Roman lediglich die richtige Atmosphäre und die notwendige Glaubwürdigkeit – was übrigens auch nicht unterschätzt werden darf.
Entsprechend sind auch die Charaktere bei Stross‘ Romanen sehr griffig und stimmig herausgearbeitet. Allen voran natürlich Rachel Mansour, die auch in Supernova eine wichtige Rolle spielt. Ich könnte jetzt beschreiben, dass sie als Agentin der UN für die Einhaltung der Kausalität sorgen muss, oder dass sie im Schiffsingenieur Martin Springfield einen Gleichgesinnten gefunden hat, oder dass sie mit Technologie ausgestattet ist, mit der sie das Flaggschiff der Monarchie zerstören könnte (es aber nicht tut). Aber dabei schaffe ich es nicht, ihre Persönlichkeit zu treffen. Das sind nur Zuschreibungen und Handlungen. Sympathie und Empathie entwickelst du erst für sie, wenn du dir den Roman vorknöpfst. Und das garantiere ich dir, das wirst du.

Fazit:

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Vega meint: thumbsup

Charles Stross bleibt eine Klasse für sich. Mit jedem Buch, das ich von ihm lese, steigt meine Bewunderung für seine Schreibe. Rezensiert habe ich (dieses Review dazugezählt) zwar erst zwei Bücher, gelesen aber schon weitaus mehr. Und Stross ist wandelbar. Er schreibt zwar immer Science-Fiction, soweit ich weiss, aber es geht nicht immer um Raumschiffe und Weltraumschlachten. Z.B. in „Du bist tot“ (ISBN: 978-3-453-52687-7) geht es um ein Videospiel in einer sehr nahen Zukunft, dessen Inhalte Konsequenzen auf die Offline-Welt haben. Oder in „Glashaus“ (ISBN: 978-3-453-52360-9) nimmt der Protagonist einer fernen Zukunft an einem Experiment teil, das die sozialen Beziehungen von Kernfamilien des postindustriellen Zeitalters (=20./21. Jh.) erforschen will.
Das bedeutet für alle Stross-Bücher, also auch für Singularität, dass Stross besonderen Wert auf den Menschen als Teil einer zeitlichen und räumlichen bedingten Kultur legt, aber gleichzeitig Faktenwissen nicht ausser Acht lässt. Stross ist sozusagen der Ethnograf oder Anthropologe unter den modernen Science-Fiction Autoren, der nebenbei als technischer Berater arbeitet.
Und weil mich beide Facetten seines Schreibstils faszinieren, möchte ich die Stross-Romane, und in diesem Fall Singularität, als unbedingtes Muss für Gleichgesinnte erklären.

Singularität. Im Original: Singularity Sky
Von Charles Stross
Aus dem Englischen von Usch Kiausch
Bei Heyne 2005, 496 Seiten
ISBN: 978-3-453-52016-5

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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