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Mrz 29 2013

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[Game] DayZ – Plündern, töten, überleben

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Cover zu „DayZ“
(via Wikipedia)


Day Z, der Tag Z, ist angebrochen im postsowjetischen Chernarus. Du weisst nicht, wann der Virus genau ausbrach und den Grossteil der Bevölkerung umbrachte, du weisst aber, dass dich die Zombies erst kriegen, wenn dein letzter Herzschlag verklungen ist.
Als einer der wenigen Überlebenden ist dir jedes Mittel recht, um den wandelnden Toten zu entkommen. Und glaub mir, Zombies sind nicht besonders helle, aber sie spüren keinen Schmerz, kennen kein Erbarmen und sie sind gnadenlos in der Überzahl.
In den Städten schlurfen sie in Massen über die verlassenen Strassen, scheinen nur darauf zu warten, bis ihnen ein unvorsichtiger Lebender in die blutigen Arme läuft. Deswegen sind Städte gefährlich. Deswegen solltest du sie meiden. Und trotzdem kannst du es nicht lassen. Denn in den Städten findest du Nahrung, Trinkwasser, Medizin, Fahrzeuge und vor allem Waffen. Sind eine Büchse Sardellen, eine Packung Schmerzmittel, eine Pistole das Risiko wert?
Vielleicht triffst du andere Überlebende. Doch Vorsicht: auch wenn euch alle der Wille zu Überleben verbindet, nicht alle überleben auf dieselbe Weise. Kannst du dem Typ mit der Schrotflinte und ohne Rucksack vertrauen oder hat er es auf deine Ausrüstung abgesehen? Ist er dir ehrlich dankbar, wenn du ihn mit einer frischen Blutkonserve versorgst? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, heisst es so schön, doch Paranoia ist ebenso lebensbedrohlich wie blindes Vertrauen. Wofür entscheidest du dich?

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Die drei Gebote von DayZ: plündern, töten, überleben
(via DayZ-Homepage)

Plündern, töten, überleben

Ich hab das Review für DayZ schon etwas länger vor mich hergeschoben, weil ich zuerst damit warm werden musste. Wenn ich Zombie-Game höre, denke ich gewöhnlich an Left4Dead, die neueren Resident Evil (so 4, 5 und 6) oder an Dead Island, denke an Shooter mit Fokus auf Blutspritzen und Geballer. Busting Melons all day. Apropos Busting Melons: Sips und Sjin zeigen in ihrem Let’s Play, wie’s gemacht wird.

DayZ ist anders. Ganz anders. Zuallererst muss man sich seine Ausrüstung mühsam zusammensuchen. Und damit meine ich nicht die riesige Knatterwumme, die man irgendwo in einem versteckten Dungeon abgestaubt hat, sondern viel grundlegendere Dinge wie eine Landkarte, Trinkwasser, eine Schachtel Streichhölzer oder einen Rucksack. Sterben bedeutet kompletter Respawn; das heisst, man hat alles verloren, was man sich bis zu seinem Tod an Ausrüstung zusammengetragen hat. Alles. Plötzlich werden eine Wasserflasche, ein Pistolenmagazin, ein Hackebeil zu den grössten Belohnungen, die man sich vorstellen kann. Und man gibt auf sie acht, als wären sie das Wichtigste auf der Welt.
Dieses Anders macht das Faszinierende an DayZ aus. Blindes Herumrennen und -ballern ist schlichtweg tödlich und somit dumm. Vorsondieren, beobachten, planen, schleichen und mit der Ausrüstung haushalten ist das A und O. Das ist mitunter ein Grund, wieso ich so lange brauchte, um mich ans Spiel zu gewöhnen. Es ist so völlig anders als seine Kollegen vom Zombie-/Horror-Genre. Und dabei habe ich den Faktor Mensch noch gar nicht angesprochen. Mehr dazu gleich, aber zuerst noch ein paar allgemeine Worte zum Spiel.

Vom „realistischsten“ Taktik-Shooter zum Survival-Game

Wenn du DayZ noch nicht kennst, mag es dich überraschen, aber das Spiel ist kein Standalone-Spiel, sondern ein kostenloser Mod. Es basiert auf dem Taktik-Shooter ArmA 2, über den sich die Gamer-Geister scheiden. „ArmA 2“ sei eine der realistischsten Soldatensimulationen, heisst es z.B. auf Giantbomb, und dieser Realismus wird auch rege diskutiert. Z.B. im Biostudio-Forum oder auf Steam. Klar, „ArmA 2“ ist nicht mehr das Neuste, was der Game-Markt zu bieten hat, vor allem die Grafikengines haben sich in den drei-vier Jahren stetig weiterentwickelt (sieht man zum Beispiel in der Alpha-Version von „ArmA 3“), aber die Zuschreibung „(ultra-)realistisch“ wird „ArmA 2“ nicht los.
Zu Beginn mit „ArmA 2“ und „DayZ“ habe ich mich gefragt, ob „realistisch“ denn gewöhnungsbedürftig bedeute. Gerade mit der Steuerung wirst du am Anfang deine liebe Mühe haben. Wie robbe, wie kauere ich, wie wähle ich eine Waffe aus, wie klettere ich eine Leiter hoch? All das braucht seine Zeit, bis du dich schliesslich zurechtfindest. Und das gilt für „ArmA 2“ wie für DayZ. Der YouTuber „ApplesBasicCartoons“ bringt die Startschwierigkeiten sehr gut auf den Punkt (siehe Clip).


Wieso DayZ gewöhnungsbedürftig ist.
(von ApplesBasicCartoons via YouTube)

„ArmA 2“ ist kein intuitives Spiel, genauso auch DayZ nicht. In dieser Hinsicht hinkt der Realismus etwas hinterher. Ach, was sag ich „etwas“ … viel eher hat sich der Realismus beide Beine und Arme gebrochen und kann sich noch mit den Zähnen vorwärts bewegen.
Der Realismus findet sich anderswo: Nämlich dann, wenn du beginnen musst, dir augenfällige Merkmale in der Landschaft zu merken, um dich orientieren zu können, wenn du über den Polarstern oder die Sonne den Norden suchst, wenn du Distanzen und Zeitdauer anhand deiner regionalen Kenntnisse abschätzt und wenn du dir zuerst eine Strategie zurechtlegen musst, bevor du in die Stadt stürmst, oder überhaupt erst abwägen musst, ob sich das Risiko lohnt, dann beginnst du zu verstehen, was den Reiz an DayZ ausmacht.

Helden und Banditen. Oder: Es „menschelt“


Ein kleiner Einblick ins Gameplay (aus Sicht eines Banditen)
(von LiKeBuTTeRsBaCK via YouTube)

DayZ kann im Gegensatz zu „ArmA 2“ ausschliesslich online gespielt werden. Das heisst, du wählst dich auf einen der zahlreichen Server ein und landest in einem Spiel mit anderen menschlichen Überlebenden.
Weiter oben habe ich von blindem Vertrauen und von Paranoia gesprochen. Genau hier kommen diese beiden Verhaltensmuster zum Zug. Manche Menschen sind Arschlöcher und Parasiten, andere sind vertrauenswürdig, loyal und gutherzig. In DayZ triffst du sie alle. Das Problem ist nur, wie kannst du die einen von den anderen unterscheiden? Und noch viel wichtiger: Ist es überhaupt richtig, nur in Schwarz („Bandits“) und Weiss („Heroes“) einzuteilen? Woher soll man wissen, ob der Kamerad mit dem gebrochenen Bein nach deiner hilfsbereiten Morphiumbehandlung sich mit einem Headshot bei dir bedankt? *Schwupps*, deine Waffe ist besser als seine und du kannst wieder von vorne beginnen. Das kannst du nicht wissen.
Auf Schweizerdeutsch würde ich sagen, es „menschelt“ in DayZ. Es wird dir schmerzhaft bewusst, wie sehr du einen bestimmten Typ Menschen am liebsten an die Gurgel gehen würdest. Du versuchst nett zu sein oder suchst nach einem Kameraden, und wirst einfach umgenietet. Umgekehrt kann dich das Spiel aber auch plötzlich überraschen. Du irrst in einer Stadt umher, ohne Orientierung, da gibt dir ein Spieler seine Landkarte, weil er die Region ohnehin kennt. Oder ein anderer läuft drei Kilometer (etwa 10-15 Minuten Echtzeit) weit, um dir die ersehnte Morphiumspritze zu geben, damit du wieder normal gehen kannst (und du bringst ihn natürlich nicht um als Dank).
Mit anderen Worten: Es gibt keine Teams, kein Blau gegen Rot, keine vordefinierten Teamkameraden und Gegner (ausser den Zombies natürlich), nur Menschen, denen man nicht ansieht, ob sie es gut mit dir meinen oder nicht. DayZ ist das Spiel der Grauzonen.
Ein weiterer Punkt für den Realismus.
Ich will mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass in DayZ irgendwie der wahre Charakter eines Menschen zum Vorschein kommt. So naiv bin ich nicht. In DayZ ist nur jedem Spieler bewusst, dass mit ein-zwei gut platzierten Schüssen das Licht aus ist. Für alle.
Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu, heisst es doch. Für DayZ trifft das zu. Diejenigen, die sich einen Dreck darum scheren, wissen, dass es auch einmal auf sie zurückfallen könnte – und eher früher als später.

Fazit: gutes Spiel oder nicht?

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Vega meint: thumbsup

Wie ich schon sagte, über „ArmA 2“ und DayZ scheiden sich die Geister. Mir gefällt’s und vielen bekennenden Überlebenden auch. Wenn du gewillt bist, eine etwas andere Spiel-Erfahrung zu machen, bist du mit DayZ genau richtig.
Zugegeben, es braucht eine Warmlaufphase am Anfang, aber wenn man mal drin ist, kehrt man immer wieder zurück. Vor allem DayZ Origins, der Mod vom Mod hat es mir neuerdings sehr angetan, aber darauf gehe ich jetzt nicht auch noch ein, das würde für sich einen Artikel in Anspruch nehmen.

Eins noch zum Schluss. Um DayZ spielen zu können, braucht man „ArmA 2“ und das Addon „Operation Arrowhead“. Als Paket „ArmA 2: Combined Operations“ sind die beiden Teile über Steam erhältlich für etwa 20€. DayZ dann ebenfalls über Steam oder über die DayZ-Homepage.
Für den gebotenen Spielspass ist das nicht viel. Und selbst wenn du nicht mit dem Spiel warm wirst, sind 20€ nicht viel verlorenes Geld.

Ich persönlich kann DayZ nur weiterempfehlen.

~ Dani Vega

DayZ.
Ein Mod für „ArmA 2: Combined Operations.
Von Bohemia Interactive
Basisspiel für 20€ über Steam erhältlich
Mod gratis über Steam oder über die DayZ-Homepage beziehbar.

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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