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Feb 20 2013

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Perry Rhodan – Weltraumoper und Zeitzeuge

Perry Rhodan schaut klischeehaft gen Sternenhimmel

Perry Rhodan Cover, Band 19
(© Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt.
von: Perrypedia)

Perry Rhodan – die ersten 6 Zyklen

Als 1961 die erste Ausgabe von Perry Rhodan erschien, war die Reihe mitten am Puls der Zeit. Perry Rhodan beginnt während dem kalten Krieg. Als der harte kernige Macho Perry Rhodan mit seiner Besatzung an Bord der Rakete Stardust zur ersten bemannten Mondfahrt aufbricht, klopft die Erde bereits an das Endzeitszenario Atomkrieg an. Was wäre wenn, fragt sich die Reihe, was wäre wenn wir dort auf dem Mond etwas finden, das all unsere heutigen (damaligen) Atomsorgen für immer lösen wird? Perry Rhodan beginnt mit einer alzubekanten Krise und dem hoffnungsvollen Blick zum Mond, etwas Deus Ex Machina hier, viel Frechheit dort und viele Bänder später wurde damit eine der größten Science-Fiction Reihen rund um die Geschichte des solaren Imperiums eingeläutet. Und Größe, ist dabei gleich das passende Stichwort.

Kindheitshelden – Nostalgie wird dann hässlich wenn man nachsieht

Ein Review zu Perry Rhodan, das schrammt am Größenwahn vorbei und tippelt auf Samtpfoten Richtung Gigantomanie. Die Reihe bringt seit dem September 1961 wöchentlich einen Heftroman raus. Das sind bis heute über 2680 Bände zu jeweils etwa 60 Seiten. Darum mach ich kein Review. Nö, ich weiger mich. Vergess es. Das hier gibt eine Art Meet and Greet mit meinen Kindheitshelden, bei dem ich vom heutigen Blickpunkt aus schreibe, was mir besonders gefällt und was mich einfach nur stört.
Dazu benutze ich die sogenannten Silberbände. Die Silberbände fassen die Handlung der Reihe in komprimierter Form auf und beheben kleine Logikfehler, während möglichst wenig der originalen Handlung verloren gehen soll. Zum aktuellen Zeitpunkt sind 45 davon gelesen worden und ein sogenannter Zyklus – eine zusammenhängende Geschichte innerhalb des Perry Rhodan Universums – ist gerade beendet worden. Zeit also die Helden meiner Kindheit zu treffen. Noch bevor ich lesen konnte, schenkte mir mein Vater kleine Spielfiguren, nannte Namen wie Gucky und Atlan und erzählte von ihren Abenteuern. Den Film zu schauen, als ich endlich alt genug war; Ein Ereignis, Übergangsritual quasi. Man muss sich das bildlich vorstellen, andere Kinder hörten gehaltvolle Geschichten über Kindesmisshandlung (Struwelpeter) oder brutalen Mord (Hänsel und Gretel). Ich aber schwebte in kosmischen Sphären durch das Universum, an Bord mit schießwütigen, kolonialistischen, expansionistischen Machos mit Militärfetisch. Tja, treffe niemals deine Kindheitshelden. Wirklich, glaub es mir. Oder all den anderen die davor warnen.

Perry Rhodan tickt anders

Das erste, was mir nach all den Jahren wieder auffällt ist der Fokus der Reihe. Wo andere Science Fiction Geschichten oft nur eine kurze Anzahl an Jahren umspannen, sagen wir mal ein bis zwei Millennia, vielleicht noch ein halbes dazu, aber wirklich nur ein knappes, so denkt Perry Rhodan sehr schnell in Maßstäben von Ewigkeiten. Wo anfangs noch Supermächte streiten und Perry Rhodan um die Einigung der Menschheit ringt, kollidieren bald ganze Universen und Zeitlinien, der Sinn der Schöpfung wird in Frage gestellt und die große Leere zwischen den Galaxien wird zunehmend zum Katzensprung. Das zieht sich so auch durch die ersten sechs Zyklen (besagte 44 Bände). Praktisch immer noch einen oben drauf.
Ständig werden die Schiffe größer und die Waffen heftiger. Kämpft Perry Rhodan anfangs noch dagegen, dass die Erde vom Atomwahn verwüstet wird, verbrennen später Welten, Sonnen und sogar ganze Sternenhaufen werden zerstört. Da schaut sogar der Todesstern aus Starwars doof aus der Wäsche. Zur Relation mit anderen bekannten Weltraumopern: Das durchschnittliche Flaggschiff eines Perry Rhodan ist in den ersten sechs Zyklen etwa 2.5 Kilometer groß, die ikonische Enterprise aus Star Trek:The Next Generation ist mit ihren 700 Metern zum Beispiel ja schon riesig (ich geb es zu, ich hab geschummelt und nachgelesen).

Dieser Größenwahn, der Drang die Handlung immer größer, schneller und breiter aufzuspannen ist zum einen die größte Stärke Perry Rhodans aber zugleich auch die größte Schwäche. Die Handlung einfach mal über ganze Epochen zu denken und dabei trotzdem die Individuen im Blick zu behalten, ist schlicht genial. Das ist es, was mich am Lesen hält und fasziniert. Der damit einkehrende Militärfetischismus und Drang zu immer größeren Männerspielzeugen nervt mich dann aber doch irgendwo an.

Typisches Cover der Perry Rhodan Reihe. Hier zu sehen, der Mausbiber Gucky

Perry Rhodan Cover, Band 98
(© Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt.
von: Perrypedia)

Männerspielzeuge – und dann?

Das Wort Männerspielzeuge hat seinen Grund in den Büchern. Vom heutigen Standpunkt verursachen die Moralvorstellungen bei mir heftiges Kopfschütteln. Frauen haben auf den Schlachtschiffen eines Perry Rhodan aus Prinzip nichts zu suchen. Außerirdische, genetische Übermenschfantasien, alles hat Platz auf den Schiffen – aber herje, Frauen!? Unvorstellbar!. Als willensstark umschriebene Frauen in der Handlung, dienen höchstens als zu zähmende Amazone. Wenn das solare Imperium am Abgrund steht, widmet sich eine Frau mit übersinnlichen Fähigkeiten (z.B. Ishi Matsu) selbstverständlich der heimischen Krankenpflege. Als die Romane geschrieben wurden, standen die 69er noch lange aus und selbst Martin Luther King hatte noch nicht seine berühmte Rede gehalten. Das merkt man leider auch.

Die guten Seiten

Was ich hingegen mag, sind die Charaktere. Außer Perry Rhodan selbst. Der stinkt. Perry ist so ein Anachronismus in der Serie. Er gibt dem ganzen schließlich seinen Namen und besitzt besonders anfangs mehrere Schichten Plot Armor. Andeutungsweise wird das später wohl anders, aber in den ersten sechs Zyklen bleibt er leider konstant der harte Macho. Die Stärke liegt in den Nebencharakteren. Dabei gefällt mir besonders die Verletzlichkeit. Körperliche und vor allem psychische Erschöpfung sind ein zentrales Thema. Lange Kampfeinsätze hinterlassen seelische Narben bei den Helden, manche Charaktere entwickeln Psychosen, Suizidgedanken, andere werden vollends unberechenbar. Die Charaktere handeln dabei oft nicht einmal rational. Bauchgefühle, falscher Heldenmut, Adrenalinsucht oder Angst sind mitunter alleiniger Auslöser für gefährliche Situationen.

Irgendwo ist es ja schon interessant kosmische Geschichten zu lesen und zu sehen wie sich die Geschicke der Völker über Jahrtausende ineinander verstricken. Dabei geizt die Reihe auch nicht mit spannenden philosophischen Themen. Die Frage der Identität wird aufgeworfen und die Existenz hinterfragt. Ein für mich spannendes Beispiel für typische Perry Rhodan Gedankenspiele: Das Volk der Arkoniden beherrscht seit zehntausend Jahren tausende Planetensysteme. Heute sind sie dekadent und faul, sie sitzen den ganzen Tag süchtig vor flimmernden Bildschirmen, wo sie mittels Gedanken auf Formen und Muster Einfluss nehmen. Klingt fast nach Videospielen, oder? Die Idee stammt aus dem Jahre 1961.

Zwischenfazit zu den ersten 6 Zyklen (44 Bänden)

Was soll ich sagen. So einfach ist es wohl nicht. Ich weiß selber nicht so recht, was ich davon halten soll. Die Moralvorstellungen gehen heute einfach nicht mehr. Die Größe der Handlung ist toll, aber der starke Militärfokus der Weltraumoper ist auch gewöhnungsbedürftig. Alle Beteuerungen das es später besser wird, helfen mir nicht beim Fazit zu den ersten Zyklen. Ich bleibe vorerst dran. Ich will wissen wie es den Charakteren ergeht, natürlich außer Perry Rhodan selbst, der riecht streng und hat doofe Ohren.

Was ich hier geben kann ist ein klares Jein, vielleicht. Ich glaube ohne äußeren Motivator, hätte ich mir die frühen Werke nicht angetan. Zugleich bin ich froh das getan zu haben. Es hat echt ein paar interessante Ideen drin aber eben auch leider furchtbar verschrobenes Zeugs. Ob das auch für die aktuellen Romane gilt? Wer weiß ob ich da je ankomme. Einen Kindheitshelden bin ich aber trotzdem los. Herrje, wie konnte ich die Person Perry Rhodan nur je cool finden?

Nachwort:
Ich mache hier keine Versprechungen wie lang diese Meet and Greet Reihe gehen wird. Beim ersten Treffen hatte es für meinen Geschmack zuviel von einem befremdlichen Klassentreffen. Die coole Sau von früher arbeitet heute in IT Branche und hat ein Model geheiratet? Aha aha interessant, nein wirklich, erzähl mehr!. Ich schaue das ich fortan für jeden Zyklus einen kurzen Artikel schreibe und darauf eingehe wie sich die Geschichten und Bezüge verändern. Es ist aber auch gut möglich, dass ich völlig das Interesse an der Reihe verliere. Bei allen Zahlen, Bildern und Daten über die Perry Rhodan Reihe, stütze ich mich auf die Perrypedia.

Wertung: 5sternchen
~dEnamed

Perry Rhodan. Weltraumoper Reihe.
Von mehreren Autoren
Erscheint bei Pabel-Moewig Verlag
Diverse Auflagen und Formen

Über den Autor

dEnamed

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