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Feb 15 2013

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Re:[Buch] Kainsmal – Chuck Palahniuk

cover_kainsmal

Cover zu Palahniuks „Kainsmal“
(via randomhouse/Goldmann
[Direktlink nicht mehr verfügbar])


Buster „Rant“ Casey ist gestorben. Das erfährt man schon zu Beginn des Buches. Und weil er dadurch selbst nicht zu Wort kommen kann, tun das alle möglichen Freunde, Jugendfreunde die Familie, Bewohner seines Geburtsortes, Jugendfreunde und flüchtige Bekannte, die Rant oder die Folgen seines Lebens erlebt haben. Verschiedenste Stimmen kommen zur Sprache, und mit ihnen die skurrilsten Gestalten, die man sich vorstellen kann. Manchmal sind es einzelne Sätze, manchmal erstrecken sich die Interview-haften Aussagen über mehrere Seiten, aber niemals mehr.

Es entsteht ein rasanter Schlagabtausch von oftmals widersprüchlichen Aussagen, teils nahe der Wahrheit, teils weit davon entfernt. „Rants“ eben, im englischen wörtlichen Sinne des Wortes. Und nimmt man all diese „Rants“ zusammen entwickelt sich im Kopf des Lesers nach und nach ein authentisches Gesamtbild vom Leben und Wirken des Protagonisten Rant.
Und irgendwann hat man das Gefühl, Rant hat es wirklich einmal gegeben …

Ein irreführender Verleser

Es ist schon eigenartig, wie ein Verleser über das ganze Buch hinweg nicht auffällt und mich immer wieder beschäftigt, es mir aber trotzdem nie in den Sinn kommt, genauer hinzuschauen.
Natürlich heisst das Buch in der deutschen Fassung Das Kainsmal, und nicht Das Kainsmahl wie in Mahlzeit oder Abendmahl. Und ich habe die ganze Zeit nach einem Essen gesucht, habe mir überlegt, ob die Boxenstopps vor den Crashpartys gemeint waren. Aber das machte nicht sonderlich Sinn.
Und jetzt beim Schreiben dieser Rezi fragte mich Google auf die Suchanfrage „palahniuk kainsmahl“, ob ich nicht „palahniuk kainsmal“ meinte. Und auf einmal ergab es Sinn!

Sofort Wikipedia nachgeschlagen, wo es heisst, dass Kain für den Mord an Abel von Gott mit einem Zeichen/einem Mal versehen wurde, damit Kain als Mörder gekennzeichnet, aber nicht zum Opfer eines Racheaktes wird.

Das ähnelt meines Erachtens sehr dem Begriff des „Stigma“ und so dem Programm des Buches. Für einmal finde ich den deutschen Titel passender im Vergleich zu seinem Original. Nirgends im Text kommt die Motivik von Kain und Abel ins Spiel, oder wenigstens nicht auf den ersten Blick, aber dennoch gibt es Anspielungen die man durch den Titel in diese Richtung interpretieren kann (s. dazu im Inhalt). Im englischen Original heisst es: Rant: An Oral Biography of Buster Casey. „Rant“ ist der Spitzname des Protagonisten, bedeutet im Englischen „Wortschwall“, „leeres Gerede“, oder als Verb „schimpfen“, „toben“, „geschwollen daherreden“. Oder mit meinen eigenen Worten: ein aus einer Rage heraus getriebener, spontaner, lauter Monolog, gerichtet gegen eine bestimmte Person oder Sache. Das Konträrbeispiel zu einer durchstrukturierten, rhetorisch ausgeklügelten Rede. Und dieser Gegensatz wird zu einem der Leitmotive des Buches.

Die „orale Biografie“

Der jugendliche Rant hat mich immer wieder an John Cleaver aus Ich bin kein Serienkiller erinnert. Beides Aussenseiter mit Interessen, die ihre Mitschüler nicht teilten oder nicht nachvollziehen konnten. Doch Rant ist kein Soziopath. Viele mögen ihn nicht, insbesondere die Mädchen, aber es geht eine Aura des Verbotenem von ihm aus. Eltern wären nicht besonders glücklich, wenn sich ihre ihre Söhne, und vor allem ihre Töchter, auf ihn einliessen, aber das machte gerade den Reiz aus.

Was mich an Kainsmal erstaunte, war die Tatsache, dass Rant selbst, als Protagonist, nur zweimal zu Wort kommt, es sei denn man zählt die Aussagen seines Vaters dazu. Wieso das? Dazu muss ich nochmals auf die Beischrift des englischen Originaltitels hinweisen: An Oral Biography of Buster Casey. Palahniuk hat zur Konzeption seines Romans eine sehr ungewöhnliche Form des Erzählens gewählt. Es gibt keinen durchgehenden Fliesstext, sondern (zumeist) nur kurze Aussagen von Freunden, Familie, flüchtigen Bekannten Rants, die nach dessen Tod erzählen, wie sie ihn erlebt haben.

Ich war zu Beginn sehr skeptisch, wie Erfahrungsberichte zu einer zusammenhängenden Geschichte werden können, aber mit der Zeit zeichnete sich ein augenfälliger Vorteil ab. Durch die vielen Stimmen, die zu Wort kommen, wird ein Bild des Protagonisten gezeichnet, das nie ganz vollständig ist. Niemand weiss genau, wie Rant gedacht hat, es ist immer nur die Beobachtung anderer und ihre Rückschlüsse auf Rants Gedankenwelt. Natürlich gibt es auch Stimmen, die Rant besonders gut kannten und kennengelernt hatten, aber man kann sich nie ganz sicher sein, inwieweit ihr Urteilsvermögen von der subjektiven Wahrnehmung verfälscht war.

Es klingt paradox, aber ich habe das Gefühl, dass Rant gerade dadurch so authentisch wirkt, weil nicht der Autor ihn möglich präzise beschreibt, wie es in anderen Romanen die Regel ist, sondern weil ein paar Dutzend Figuren ihn aus ihrer „subjektiven Sicht“ beschreiben. Ich glaubte beim Lesen zwischen allen teils widersprüchlichen, teils übereinstimmenden Aussagen einen Rant herauslesen zu können, der beinahe wirklich ist. Man glaubt, selbst zu einer dieser Stimmen zu werden, glaubt Rant zu kennen.

Fazit

Wie gesagt, gefiel mir Palahniuks Wahl seiner Erzählhaltung besser und besser. Man könnte sogar sagen, dass es in diesem Werk gar keinen Erzähler gibt (oder alle Stimmen werden zu Erzählern). Es gibt keinen allwissenden, alles überschauenden Erzähler. Der (oder die) einzige, der alles überschaut, ist der Leser, der die Aussagen aller Bekannten Rants vor sich hat. Er entscheidet darüber, was er glauben will. Und gerade das finde ich eine besondere Stärke des Romans. Durch die Abwesenheit eines Erzählers bleibt auch eine Wertung aussen vor bzw. man kann aus allen Wertungen eine oder mehrere hinausziehen und zu seiner eigenen machen.

Mich fasziniert an Kainsmal das oft absurde und irrationale Verhalten der Protagonisten, aber auch der Protagonisten selbst, wie es mir schon bei Fight Club aufgefallen ist und sehr gut gefallen hat. Nehmen wir das Mädchen, das seit einem Autounfall verkrüppelt ist und sich als Drittperson für flotte Dreier von willigen Ehepaaren anbietet. Aufgrund ihres Aussehen kommt es jedoch gar nie zu Sex, sondern die Paare versuchen ihr aus Mitleid zu helfen, geben ihr das Geld trotzdem. Oder auch die weniger wichtigen Charaktere, wie der Gebrauchtwagenhändler, der erzählt, dass das wichtigste eines guten Verkäufers ist, den potenziellen Käufer zu imitieren. Der Käufer sieht sich so im Verkäufer gespiegelt und geborgen, als jemand, der ihn versteht; einen Seelenverwandten. Und und und …

Es scheint Palahniuks grosse Qualität auszumachen, mit wenigen Worten einen Charakter punktgenau und präzise und vor allem greifbar beschreiben zu können. Ganz besonders gut sieht man das in diesem Buch, dessen Abschnitte teilweise nur aus kurzen Sätzen bestehen und dennoch sowohl ein Bild von Rant als auch von der sprechenden Person geben.

Gleichzeitig habe ich nie den Überblick oder den Faden der Geschichte verloren, obwohl das bei diesem Schlagabtausch der unterschiedlichen Aussagen und Stimmen leicht hätte passieren können.

Mich würde sehr interessieren, ob es möglich wäre, so etwas zu verfilmen. Es wäre eine Folge von unzähligen Interviews, wobei man als Zuschauer die Ereignisse, worüber gesprochen wird, nie zu Gesicht bekommt. Ich frage mich, ob man die Geduld aufbrächte, sich so etwas überhaupt anzusehen.
Aber noch viel besser würde sich eine Vertonung eignen. Der Roman ist geradezu dafür gemacht, zu einem Hörspiel zu werden. Bereits im englischen Originaltitel wird das deutlich: An Oral Biography … und zeigt sich auch in der Art, wie erzählt wird.
Oder gibt es das als Hörspiel bereits? Lasst es mich wissen!

~ Dani Vega
(Die Rezi wurde am 05.04.2010 auf raVenport erstveröffentlich)

Das Kainsmal. Im Original: „Rant – An Oral Biography of Buster Casey“.
Von Chuck Palahniuk.
Deutsch von Werner Schmitz.
2. Auflage, beim Goldmann Verlag, 2007. 351 Seiten.
ISBN: 978-3-442-54632-9

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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