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Nov 13 2012

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[Buch] Das Unsterblichkeitsprogramm – Richard Morgan

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Cover zu Morgans „Das Unsterblichkeitsprogramm“
(von Randomhouse / Heyne)


Takeshi Kovacs erwacht in einem neuen Körper und ertrinkt fast in der Nährlösung. Seine letzte Erinnerung ist sein von Kugeln durchsiebter Brustkorb. Davon ist nichts mehr zu spüren und nichts mehr zu sehen. Eigentlich müsste er tot sein; da holt ihn die Erinnerung ein. Natürlich ist er nicht tot. Sein Hinterkopfimplantat, sein Stack, hat dafür gesorgt, dass seine Persönlichkeit erhalten bleibt. Wie bei jedem Menschen.
Eigentlich hätte er noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte auf Eis liegen müssen, aber sein Ruf als gnadenloser Ermittler muss ihm vorausgeeilt sein. Deshalb hat man ihn auf die Erde runtergeladen, zur Wiege der Menschheit – das erste Mal in seinem Leben.
Sein Auftraggeber, der Multimilliardär Laurens Bancroft, will Kovacs mit einem delikaten Fall betrauen. Bancroft selbst soll umgebracht worden sein, aber es ist weder klar von wem noch aus welchem Grund. Bancrofts Stack wurde zerstört, also musste ein Backup in seinen Ersatzkörper gespielt werden, wodurch ihm ein Tag seiner Erinnerung fehlt. Ein Tag scheint nicht viel zu sein, verglichen mit einem Leben, das schon Jahrhunderte andauert. Aber Bancroft will nicht glauben, dass es Selbstmord war, obwohl alle Indizien gegen ihn sprechen.
Was ist zwischen Backup und Tod geschehen? Wieso wollte man ihn ausser Gefecht haben – im Wissen, dass er umgehend wiederhergestellt wird? Irgendetwas stinkt an der Sache, da muss Kovacs kein Ermittler sein, um das einzusehen.

Die Welt der digitalen Seelen

Schon bei Backup ging es um digitalisierte Seelen und einen Mord, der kein Mord sein soll. Nur ist das Setting und die Sprache bei „Das Unsterblichkeitsprogramm“ eine andere.
Kovacs ist Kriegsveteran und ein wacher Geist und Beobachter. Die Handlung schwankt zwischen Brutalitäten, geschickten Verhandlungen, scharfsinnigen Schlussfolgerungen und unterhaltsamen Gedankengängen. Eine überaus angenehme Mischung für einen Leser wie mich, der nur selten Krimis liest.
Ich bin kein Fan von Büchervergleichen, weil man oft Äpfel mit Birnen vergleicht, aber hier drängt sich der Vergleich geradezu auf. Ich hatte bei Backup bemängelt, dass viel zu viele Diskussionen und Fragen auf zu engem Raum behandelt würden und keine richtig konsequent. Beim „Unsterblichkeitsprogramm“ gibt es ähnliche oder sogar identische Diskussionen und Fragen (Leib-Seele-Problem, Identitätskonflikte etc.), und ähnlich zählreich. Aber hier sind sie viel besser verteilt und portioniert, statt in isolierten Blöcken abgehandelt zu werden. Sie tauchen beiläufig auf, werden später aber wieder aufgegriffen. Zum Beispiel die Sache mit der katholischen Kirche, dass es unethisch sei, Seelen wiederzubeleben; das sei nur Gott vorbehalten. Gleich zu Beginn wird Kovacs von religiösen Fanatikern belagert. Später im Verlauf des Romans wird dieses Problem in einen Kontext gesetzt; es wird nämlich über ein Gesetz debattiert, das eine Wiederbelebung unter gewissen Umständen erzwungen werden darf. Zum Beispiel für eine Zeugenaussage bei einem Gewaltverbrechen.
Ebenfalls spannend ist Kovacs Perspektive eines Fremden. Wie für ihn ist die Erde im Roman auch für uns Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts eine fremde. Dadurch sind Leser und Protagonist beide auf eine andere Weise fremd, und erstaunlicherweise ergänzt sich das ziemlich gut. Manchmal weiss Kovacs etwas, das der Leser nicht weiss, manchmal umgekehrt, manchmal wissen es beide nicht, und gemeinsam entdeckt man schliesslich den Roman in seiner Gänze.

Fazit: Richard Morgans „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ein vollendeter Roman mit gut portionierter Spannung und nachdenklich stimmenden und vor allem gut ausgearbeiteten Themen rund um die Problematik Körpertransfer. Genau das, was ich von einem guten SF-Krimi erwarte.

Wertung: 8sternchen

~ Dani Vega

Das Unsterblichkeitsprogramm.
von Richard Morgan
Im Original: „Altered Carbon“
Übersetzt von Wolfgang Jeschke
Bei Heyne. 608 Seiten
ISBN: 978-3-453-87951-5

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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