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Okt 29 2012

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[Filmliste] Virtuelle Welten

reailtyisvirtual

„Reailty is virtual“
(© 2010-2012 by Alex Paxton a.k.a. ~MoonlitxReverie via deviantart.com.
Die Veränderungen gegenüber dem Original habe ich, Dani Vega, vorgenommen.)


Meine Faszination für virtuelle Welten, egal welcher Art, ist kein Geheimnis. Die Möglichkeit „absoluter Immersion“, des vollständigen Eintauchens in eine andere Welt als die uns bekannte, hat für mich etwas Verlockendes und gleichzeitig etwas Einschüchterndes an sich. Zum einen ist die Vorstellung wunderbar, für eine gewisse Zeit in die Rolle eines anderen (oder einer anderen) zu schlüpfen, aber im Gegenzug bergen virtuelle Realitäten die Gefahr des Versinkens oder gar Ertrinkens, wenn man Simulation nicht mehr von Wirklichkeit unterscheiden kann, wenn die beiden Ebenen verschmelzen.
Im Zusammenhang mit Büchern werden diese Art von Filmen schnell mal ins Genre „Cyberpunk“ abgeschoben und fristen dort ein jämmerliches Dasein unter anderen Missverstandenen. Was ich hier in dieser Liste zusammenstelle, sind Filme, in denen es mit einer technischen Apparatur möglich ist, in die Haut eines anderen zu schlüpfen, um dann in einer computersimulierten oder computerunterstützen Umgebung zu agieren.

Spricht man von solchen Filmen, wird einem als erstes wohl Matrix in den Sinn kommen. Matrix ist allerdings nicht der erste Film mit diesem Thema, und viele meinen, auch nicht der beste, aber darüber lässt sich gut streiten. Ich habe mein Filmarchiv durchgesehen und überlegt, was es neben den Bekannten noch für andere ähnliche Filme gibt, und habe eine Handvoll der besten herausgesucht. Viele darunter sind euch vielleicht gar nicht bekannt, aber das soll auch Sinn und Zweck dieser Liste sein. Die Liste ist in keiner Weise abgeschlossen, sie soll nicht mehr als ein subjektiver Ausschnitt sein. Wenn ihr das Gefühl habt, dass ich einen wichtigen Titel vergessen habe, könnt ihr mich gerne drauf hinweisen. Ich freue mich immer über neue Inputs.

Gamer, 2009

In einer überbevölkerten Zukunft steigt nicht nur die Anzahl Menschen auf der Erde, sondern auch die der Kriminellen. Um die Menschen inner- und ausserhalb der Gefängnismauern bei Stange zu halten, wird ein Echtzeit-Videospiel entwickelt. Die zum Tode verurteilten Insassen können ihren Körper für das Ballerspiel „Slayers“ zur Verfügung zu stellen, während die besten der besten Spieler die Kontrolle über einen verdrahteten Insassen erhalten, um über die dreissig Level zu kommen. Nach den dreissig Runden erwartet den Spieler der Ruhm aller Zuschauer, den Verurteilten die Freiheit. Verlockend, doch bisher hat es noch niemand geschafft. Bisher …

Ich halte „Gamer“ mit Gerard Butler (bekannt aus „300“ und „Gesetz der Rache“) und Michael C. Hall (bekannt aus „Dexter“) deshalb für eine Perle, weil es die Spassgesellschaft, die Videospielindustrie und das Justizsystem auf die Spitze treibt. Man stelle sich vor, man übernimmt als Gamer nicht einfach Kontrolle über visualisierten Programmcode, sondern über einen echten Menschen? Genau darum geht es in „Gamer“.
Verglichen mit den anderen Filmen dieser Liste ist „Gamer“ der neuste Film mit den schillerndsten Spezialeffekten (und wahrscheinlich mit dem grössten Budget). In dieser Hinsicht haben die übrigen einen schweren Stand. Aber selbstverständlich gibt noch andere Qualitäten als Spezialeffekte.

Avalon – Spiel um dein Leben, 2001

In einer nicht allzu fernen Zukunft, in der sich die Menschen nach Ablenkung von der düsteren, tristen Realität sehnen, wird ein Computerspiel namens „Avalon“ entwickelt. Das Spiel ist illegal, weil es blutig und brutal ist und seine besten Spieler nach einer gewissen Zeit sogar Gefahr laufen, ihr Leben zu verlieren. Doch trotz den Risiken ist „Avalon“ ein grosser Erfolg, vor allem auch ein finanzieller – Für Entwickler wie Spieler. Es klingt nach einfachem Geld, ein paar Level hinter sich bringen, Aufgaben erledigen, weiter nichts. Viele Menschen sehen darin den einzigen Ausweg aus dem tiefsten Keller der menschlichen Gesellschaft.
Eine von ihnen ist die Gamerin Ash. Sie ist süchtig nach „Avalon“ und ihr Fortschritt darin ist existenziell geworden. Früher hatte sie einer Gruppe von Spielern angehört, die sich „Wizards“ nannte, aber die löste sich unter mysteriösen Umständen auf. Nun spielt Ash auf eigene Faust, um endlich den geheimen letzten Level „Special A“ zu erreichen. Den Olymp des Spiels, sein „Avalon“. Doch alleine wird sie es nicht schaffen …

Spannend an „Avalon“ ist bereits die Grundvoraussetzung. Es ist eine japanisch-polnische Koproduktion und verbindet Anspielungen auf japanische Manga und Anime mit einem kaukasisch-düsteren Setting, wie man es gerade auch bei russischen Filmen oft antrifft. Auf den ersten Blick erinnert er an „Blade Runner“ und könnte direkt aus den 1980ern entsprungen sein. Das ist er aber nicht. Tatsächlich muss er etwa in der gleichen Zeit in Planung gegangen sein, wie der erste Matrix-Film in die Kinos kam (1999). Querbezüge sind möglich, aber unwahrscheinlich.
Was mich besonders fasziniert, ist der Titel und wie er den Film beeinflusst. „Avalon“ ist die mythische Insel aus den Artussage, zu der der schwer verwundete Artus entrückt um dann in alter Frische zurückzukehren. Er erhält gewissermassen ein neues Leben. Ich sehe den Film „Avalon“ als Allegorie für eine Sinnsuche, als eine Suche nach einer neuen Art der Existenz, nach einem Neuanfang. Philosophische Kost in einer spannenden virtuellen Verpackung.

Virtuality – Killer im System, 2009

Die Erde ist im Begriff zu verfallen. In einigen Jahrzehnten ist die Verschmutzung und Zerstörung so weit fortgeschritten, dass sie unbewohnbar wird. Der letzte Ausweg ist ein Griff zu den Sternen. Mit dem interstellaren Raumschiff „Phaeton“ macht sich eine zwölfköpfige Crew zum nah gelegenen Sternensystem Epsilon Eridani auf, wo ein erdähnlicher Planet vermutet wird. Damit die Menschen auf der Erde ihren Hoffnungsträgern nahe sind, sind auf dem ganzen Schiff Kameras installiert, deren Filmmaterial zu einer Reality-Show zusammengeschnitten.
Nach sechs Monaten steht die Crew kurz vor dem „Point of No Return“, wo sie vor der Entscheidung steht, umzukehren und die Menschheit zu enttäuschen, oder weiterzumachen und die nächsten neuneinhalb Jahre Reisezeit in Angriff zu nehmen. Bisher ist alles glatt gelaufen, aber als erste Probleme auftreten, wird klar, dass zehn Jahre für zwölf Menschen auf engstem Raum eine lange Zeit sind. Um Reibungen zu vermeiden, sind VR-Module installiert worden, mit denen sich die Crewmitglieder in virtuelle Welten zurückziehen können. Doch ein Glitch im System führt zu bizarren und unangenehmen Erfahrungen für die Besatzung, die von Erniedrigung, zu grossen Schmerzen, bis hin zu virtuellem Tod reichen. Niemand trägt zwar körperlichen Schaden davon, doch mit jedem Tag mehr kochen die Emotionen hoch, Nerven liegen blank und es passieren Fehler bei den alltäglichen Arbeiten.
Der gesunde Menschenverstand würde zum Umkehren raten, aber können sie es sich erlauben, die Menschheit zu enttäuschen? Auch wenn die Umkehr theoretisch noch möglich ist, es geht nicht. Sie müssen einen Weg finden …

Ich kann von mir nicht sagen, dass ich ein Fan von Reality-Shows à la „Big Brother“ bin, oder anderem Schwachsinn der deutschen Privatsender. „Virtuality“ ist jedoch streng genommen nichts anderes. Zwölf Menschen auf engstem Raum gehen einander auf den Geist und eher früher als später beginnt es zu „menscheln“. Die auferzwungene Hierarchie bröckelt, neue Loyalitäten entstehen; ein Gewebe von Vertrauen und Misstrauen entsteht. Man wird als Zuschauer zu einem Voyeur, beginnt für den einen oder anderen Charakter Partei zu ergreifen. Ein Antagonist tritt zwar rasch auf den Plan, aber die wirkliche Gefahr geht von der Besatzung aus.
Leider kommt „Virtuality“ viel zu früh zu einem Ende. Ursprünglich war es als Pilotfolge für eine TV-Serie auf dem US-Sender FOX gedacht gewesen, schaffte es aber nicht darüber hinaus. (Ganz am Rande nicht die erste vielversprechende SF-Serie, die FOX noch in den Kinderschuhen abwürgt (siehe: „Firefly“).)
Aber nichtsdestotrotz lohnt es sich, „Virtuality“ als Standalone zu schauen. Der Regisseur Peter Berg hat trotz den Steinen im Weg das Optimum aus dem Filmmaterial herausgeholt.

Welt am Draht, 1973

Keine Liste ohne einen Geheimtipp:
„Welt am Draht“ ist ein zweiteiliger Fernsehfilm aus Rainer Werner Fassbinders Ideenstube. Er handelt von einem Supercomputer namens „Simulacron-1“, der genutzt wird, um eine Kleinstadt vollständig mit Bevölkerung zu simulieren. Die digitalen „Simulationseinheiten“, die virtuellen Menschen, leben ein normales Leben, ihnen ist aber nicht bewusst, dass sie in einer Simulation leben.
Fred Stiller übernimmt den Direktorposten am „Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung“, in dem Simulacron-1 steht und unterhalten wird. Sein Vorgänger, Henry Vollmer, ist unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Kurz vor seinem Tod hat Vollmer seinem Assistenten Lause etwas von einer ungeheuren Entdeckung angedeutet, der Stiller nachgeht. Doch plötzlich ist Lause verschwunden und die Mitarbeiter schwören, noch nie von ihm gehört zu haben. Selbst in der Personaldatenbank ist er nicht verzeichnet, als habe er gar nie existiert.
Zur gleichen Zeit ereignen sich Zwischenfälle in der Simulation. Eine Simulationseinheit begeht Selbstmord, eine andere erfährt von der Aussenwelt und will dorthin. Stiller muss befürchten, dass ihm seine Vorgänger und Vorgesetzten Informationen vorenthalten. Irgendetwas ist nicht in Ordnung …

„Welt am Draht“ ist das beste Beispiel dieser Liste, wie auch ohne digitaltechnische Spielereien eine komplexe Geschichte über Realität, Virtualität und Surrealität gewoben werden kann, die den Zuschauer nachdenklich stimmt und gleichzeitig fesselt.
Vom Ende verrate ich natürlich nichts, so viel sei aber gesagt: es ist grossartig und unerwartet.
Es gibt den einen oder anderen Punkt, der irritiert. Zum Beispiel sind die Geschlechterrollen klar verteilt. Man könnte sich darüber aufregen, oder aber den Film als das sehen, was er ist: ein Kind seiner Zeit. Fünfundzwanzig Jahre vor „Matrix“.

Bonus: David Finchers „The Game“, 1997

„The Game“ mit Michael Douglas und Sean Penn passt nicht ganz in die Liste. Fasst man den Begriff „virtuell“ allerdings etwas weiter, im Sinne von „erfunden“, „fiktiv“, könnte man ihn doch dazu zählen.

Der skrupellose Investmentbanker Nicholas van Orten (Michael Douglas) feiert seinen 48. Geburtstag. Rummel um seine Person mag er gar nicht, sein Leben lang hat er sich nicht viel aus Freunden und Familie gemacht. Weshalb sollte er nun daran etwas ändern … Unvermittelt taucht sein nichtsnutziger Bruder Conrad (Sean Penn) auf und überreicht ihm ein ungewöhnliches Geschenk: Ein Erlebnisspiel der Firma „Consumer Recreation Services“, das nichts weniger verspricht, als das Leben seiner Kunden von Grund auf zu verändern.
Nach langem hin und her erklärt sich Nicholas bereit, bei CRS vorbeizugehen, wo er einen ganzen Tag psychischen und physischen Tests unterzogen wird. Irritiert und frustriert geht er nach Hause, um am nächsten Tag eine Absage mit der Begründung „nicht geeignet“ zu erhalten. Das kann nicht sein, sagt er sich und fährt zu CRS. Doch die Firma ist nicht mehr da, als wäre sie nie dagewesen. Die Büroetage ist verlassen und schaut aus, als stünde sie schon seit Jahren leer. Niemand hat jemals davon gehört. Nicholas verflucht seinen Brüder für diesen schlechten Witz und den verlorenen Tag. Als er dann in ein verwüstetes Zuhause zurückkehrt, holt ihn eine Erkenntnis ein: CRS ist nicht ein dummer Witz, sondern eine gross angelegte Verschwörung. Sein Ruf, sein Geld und sogar sein Leben sind in Gefahr, und Nicholas befindet sich auf der Flucht wie Jagdwild (engl. „game“). Doch das ist bei weitem nicht alles …

Ich habe „The Game“ deshalb in die Liste reingenommen, weil einer der besten Thriller ist, den ich kenne. Der Protagonist ist ein geldgieriges Arschloch ohne Moral und Skrupel. Als er schliesslich in die Fänge von CRS gerät und all seines gesellschaftlichen und finanziellen Erfolgs beraubt wird, lacht man sich zuerst vor Schadenfreude ins Fäustchen. Das geschieht im Recht, wird man denken. Doch sehr schnell wird einem bewusst, dass er im Grunde kein schlechter Mensch ist, er ist nur auf die falsche Bahn geraten. Man hat Mitleid mit ihm und will, dass am Ende alles gut ausgeht; aber wie und vor allem ob das möglich ist, ist nicht vorhersehbar. Die Spannung hält an bis zur letzten Minute.
In meinen Augen hat das David Fincher genial gelöst. Mach einen Antagonisten zum Protagonisten und bring die Zuschauer dazu, Mitleid mit einem Arschloch zu haben. Streu etwas Ungerechtigkeit ein und einen unfassbaren, übermächtigen Feind. Die Identifikation mit Nicholas könnte nicht stärker sein.
Wer den Film noch nicht gesehen hat, muss diese Manko unbedingt beseitigen.

Das war’s soweit. Ich hoffe, die Liste hat euch gefallen. Lasst es mich wissen. Und wenn ihr mehr wollt, ich habe sicher noch das eine oder andere in peto.

~ Dani Vega

Über den Autor

Vega

Ich bin Vega, Admin und Redaktor von Spiegelwelten.ch, einem Blog für Videospiele und Bücher, für Geschichten, die unsere Welt abbilden.

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